Das Märchen vom Vater der Sozialen Marktwirtschaft

Es ist ein Märchen – auch wenn es weit verbreitet ist – Ludwig Erhard ist nicht Vater der Sozialen Marktwirtschaft. Mancher wichtige Bestandteil musste sogar gegen ihn durchgesetzt werden.

Soziale Marktwirtschaft hat sich als Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland durchgesetzt. Sie beruht auf dem Prinzip die Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden. Die Bezeichnung geht auf Müller-Armack zurück. Er war Professor während der Nazi-Zeit an der Universität Münster. In vertraulichen Gesprächskreisen der Wirtschaft, in denen man nicht unbedingt vom „Endsieg“ des Deutschen Reiches ausging, arbeitete er an Konzepten für eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg. Nach dem 2. Weltkrieg trat er der CDU bei und entwarf die Idee der Sozialen Marktwirtschaft, die er als wirtschaftspolitisches Konzept nicht als eine geschlossene Theorie konzipierte und in den Gegensatz zum Ordo-Liberalismus stellte.

Sein Konzept wurde zur Grundlage der Wirtschaftspolitik der CDU/CSU in den 1950er Jahren, während die SPD auf die Einführung eines demokratischen Sozialismus setzte. Ludwig Erhard stand grundsätzlich eher auf der Seite der Ordoliberalen. „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch,“ war seine These. Mit anderen Worten gesagt der Markt regelt schon alles. In den Adenauer Regierungen der 1950er Jahre gab es aber starke Vorbehalte gegen einen ungezügelten Wirtschaftsliberalismus, die vor allem aus der christlichen Sozialethik kamen. Adenauer verließ sich weniger auf Erhard als auf externe Berater. Eine wesentliche Rolle spielte u.a. Wilfrid Schreiber, katholischer Unternehmer und Privatdozent an der Uni Bonn. Von ihm stammt das Konzept der dynamischen Rente, dem es zu verdanken ist, das die Altersarmut – Anfang der 1950er Jahre in Deutschland ein großes Problem – weitgehend beendet werden konnte. Ludwig Erhard protestierte auf schärfste dagegen. Er hing nämlich der Theorie an, Kapitaldeckung wäre entscheidend, was auf einem Denkfehler beruht, nämlich betriebswirtschaftliche Überlegungen auf die Volkswirtschaft zu übertragen. Wie wir wissen, setzte sich glücklicherweise Konrad Adenauer durch.

Wir unterscheiden vier Phasen der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Die erste bildete die Adenauer Zeit, die zweite die Wirtschaftspolitik der großen und sozialliberalen Koalition ( 1967-1978 ) . Karl Schiller ergänzte das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft um keynesianische Elemente. Die dritte Phase (1979-1989/90) wurde durch das Scheitern der Politik der Globalsteuerung eingeleitet. Zwar setzte nach dem Regierungswechsel 1982 eine Umorientierung der Wirtschaftspolitik zur Belebung marktwirtschaftlicher Elemente ein, insgesamt ist diese Phase allerdings durch Stagnation in der Ordnungspolitik und einen damit entstehenden Reformstau charakterisiert. Die vierte Phase (ab 1990) begann mit der Wiedervereinigung. Man glaubte eine Störung in der Balance zwischen der ökonomischen and sozialen Dimension festzustellen, die es wiederherzustellen gelte. International wurden neoliberale Tendenzen immer stärker. Es War ausgerechnet eine sozialdemokratisch geführte Regierung ( Schröder ) die diesen Tendenzen am weitesten folgte.

In der aktuellen Diskussion um Grundlinien der zukünftigen Wirtschaftspolitik sind zwei Grundströmungen erkennbar. Die eine geht davon aus, staatliche Eingriffe sind grundsätzlich so gering wie möglich zu halten und in jedem Fall müssen die Kräfte des Marktes gestärkt werden, dabei beruft man sich sehr oft auf Ludwig Erhard. Die andere Position will eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Sozialen Marktwirtshaft, d.h. die Freiheit des Marktes muss verbunden werden mit Eingriffen des Staates zu Gunsten eines sozialen Ausgleichs und ökologischer Notwendigkeiten. Ich bin auf jedem Fall – unabhängig von Parteipolitik – voll auf der Seite derer die mit Konrad Adenauer sagen : “ Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft. “ ( In Köln auf einer Veranstaltung der CDU der britischen Besatzungszone am 24.3.1946 )

8. Mai 1945 Tag der Befreiung ! Aber nicht alle sahen und sehen das so .

Am 8. Mai 1945 gingen 12 Jahre Nazi-Herrschaft, die am 30. Januar 1933 begann, mit der bedingungslosen Kapitulation zu Ende. Der Sieg der Alliierten war die Grundlage dafür, dass meine und die nachfolgenden Generationen in einem freien Deutschland aufwachsen konnte. Aber machen wir uns keine Illusionen. Hitler war kein Einzeltäter und es war auch nicht nur eine kleine Clique von führenden Nazis, die in der Lage war den größten Teil Europas zu unterjochen und Millionen von Menschen entrechten und in KZs umzubringen. Es gab Millionen von Deutschen, die sich – natürlich in unterschiedlichem Ausmaß – mitschuldig gemacht hatten.
Logischerweise waren in den Jahren 1945-49 (für die 1950er gibt es keine entsprechenden Untersuchungen) die Hälfte der Deutschen der Meinung, der Nationalsozialismus sei eine gute Sache gewesen, nur in einigen Fragen schlecht gemacht ( belegt durch von US Militär beauftragte Untersuchungen). Das änderte sich nur langsam.  Noch 1985 als zum 40. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnete, blieben 30 Abgeordnete des Deutschen Bundestages der Gedenkstunde aus Protest fern. Und noch im Jahre 2020 ( Leipziger Autoritarismus Studie ) befürworteten 17,1% der Deutschen die Aussage „Was Deutschland braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ und 8.6% stimmten der Aussage zu „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“.
So ganz verschwunden ist der Nazi-affine Denkweise, die Deutschland in Katastrophe führte also nicht.

Wir, die Nachgeborenen der dunkelsten Ära in der deutschen Geschichte, sind nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist, aber wir sind verantwortlich, dass niemals wieder ähnliches geschieht. Seien wir wachsam. Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.

Viele, die eine nicht-vorhandene nationale Leitkultur verteidigten, kämpften jetzt für das generische Maskulinum gegen Gendern

“ Sehr geehrte Herren“ , dies war früher eine übliche Anrede, wenn man an eine Behörde oder Firma schrieb. Klar, da waren ja nur Herren und die Fräuleins, die dort tätig waren, waren eh nur zum tippen und Kaffee kochen da, oder ? Einiges hat sich geändert und selbst die härtesten Verfechter eines generischen Maskulinums würden heute einen Brief nicht so anfangen, obwohl dieses „blöde gendern“ doch die deutsche Sprachkultur angeblich völlig verhunzt und ihren Rede- und Schreibfluss ungeheuer stört.

Man hat sich daran gewöhnt, dass es Ministerinnen und sogar eine Bundeskanzlerin gibt und das Fräulein ist auch aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden. Sprache ändert sich nun mal. Sprache ist Ausdruck von Bewusstsein und umgekehrt ändert auch der Sprachgebrauch unser Bewusstsein. Und ich meine, es ist gut so. Falls es den Anti-Gender Hardlinern zB zu umständlich ist von den „Lehrerinnen und Lehrern“ an der Schule zu sprechen, gibt es eine einfache Lösung, sie können das generische Femininum benutzen.

Wir werden natürlich weiter den Versuch eines erbitterten Kulturkampfes erleben. So gibt es auch Politiker, die wittern die Chance, hier ein Thema zu finden, bestimmte Menschen, die sich nach der guten alten Zeit sehnen und Veränderungen fast immer ablehnen, für sich zu mobilisieren. Aber in aller Ruhe. Die Weisheit meiner Oma war: Nichts bleibt wie es ist . Und ich füge hin zu, das mag manchmal vielleicht schade sein, aber oft gilt dazu “ Göttin sei Dank.“

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal

Kanzlerkandidat, eine Funktion, die in keinem Gesetz und keiner Parteisatzung zu finden ist. Aber verständlicherweise eine Frage, die vielen Wählern sehr wichtig ist. Der/die Bundeskanzler*in hat laut unserem Grundgesetz eine sehr wichtige Stellung, bestimmt die Grundlinien der Politik und ist nur mit einem konstruktiven Misstrauensvotum abwählbar, was in 72 Jahren nur einmal erfolgreich geschehen ist. Aber während die Wahl von Vorständen oder Wahlkreiskandidaten durch Parteiengesetz und Parteisatzungen ziemlich genau geregelt ist, kann jede Partei praktisch nach Lust und Laune bestimmen, wer ihre Spitzen- bzw Kanzlerkandidat*innen sind.

Das ist natürlich besonders problematisch, wenn da zwei eigenständige Parteien sind, die nur im Bundestag durch eine Fraktionsgemeinschaft verbunden sind. Noch problematischer, wenn sich um die Parteien handelt, die in 52 von 72 Jahren deutscher Nachkriegsgeschichte den Bundeskanzler gestellt haben. Wenn jetzt nach 16 Jahren die Ära Merkel zu Ende geht und die kleinere von den beiden Parteien einen Vorsitzenden hat, der seit mehr als einem Jahr nach der Bundeskanzlerin der populärste Politiker ist und der Vorsitzende der größeren Partei deutlich in der Wählergunst abfällt, dann müssen schon ziemlich unprofessionelle Naivlinge am Werk sein, falls sie glaubten, der Findungsprozess eines gemeinsamen Kanzlerkandidaten könne total unproblematisch sein. Das wäre wahrscheinlich nur möglich, wenn der Vorsitzende, der seit langem in der Wählergunst deutlich weiter unten steht, freiwillig verzichtet.

Und wenn nicht? Dann sieht man eben dumm aus, wenn man sich darauf verlassen hat, ein Vorstandsvotum der größeren Partei genügt, um die kleinere Partei dazu zu bringen, mit fliegenden Fahnen dem weniger aussichtsreichen Kandidaten zu zu jubeln. Dabei hätten sowohl Logik als auch die deutsche Nachkriegsgeschichte helfen können. Wenn zwei Parteien nur ein gemeinsames Gremium haben, in dem sie außerdem nach Stärke repräsentiert sind, dann liegt doch – wenn man sich nicht einig wird -der Gedanke nahe, hier die Entscheidung zu suchen.

Dafür gibt es auch ein historisches Beispiel. Nämlich vor der Bundestagswahl 1980 erhoben beide Parteien, CDU und CSU, den Anspruch auf die Kanzlerkandidatur. Allerdings ein wesentlicher Punkt war damals anders. Der CDU Parteivorsitzende Helmut Kohl, verzichtete auf die Kanzler-Kandidatur, wohl wissend, falls er öffentlich seinen Willen zu Kandidatur erklärt hätte und bei der Vorabstimmung in der Fraktion unterlegen gewesen wäre, hätte das wahrscheinlich sein Ende als Parteivorsitzender eingeläutet. Stattdessen schickte die CDU Ernst Albrecht ins Rennen, der in der Fraktion gegen Franz Josef Strauß unterlag. Aber niemand aus den Unionsparteien war übermäßig beschädigt.

Doch diesmal – sieht die Situation anders aus. Der CDU Parteivorsitzende hat – ohne sich sicher sein zu können – die volle Zustimmung der kleineren Partei zu haben, seinen Willen zur Kanzlerkandidatur erklärt. Jetzt ist die Zwickmühle für die CDU und deren Bundestagsabgeordneten da. „Augen zu und durch“ und irgendwie sehen, dass die CSU schon mitspielt? Oder vielleicht die Gefahr sehen, die Wahl könnte sonst sehr schlecht für die Unionsparteien ausgehen und sich trotz allem lieber dem populäreren Kandidaten der CSU zuwenden und den eigenen – vor wenigen Monaten erst gewählten Parteivorsitzenden im Regen stehen lassen ?

Wir wissen nicht, wie das Ganze ausgeht, aber der politische Reim könnte diesmal sein – ich sage das ohne alle Häme – Kandidatenfrust – Macht-Verlust.

Drei Strategien gegen Covid. Nur No-Covid macht Sinn um gleichzeitig Leben zu retten und die Wirtschaft zu schonen

Es gibt grundsätzlich 3 Strategien gegen Covid. Die eine ist die „Augen zu und durch-Strategie“. Sie wurde versucht anfangs in Schweden, unter Trump weitgehend in den USA und am deutlichsten in Brasilien. Die Ergebnisse waren katastrophal. Hunderttausende überflüssige Todesfälle und der Wirtschaft hat es nichts genützt. Die Theorie: „wir müssen uns halt zwischen mehr Todesfällen und größerem wirtschaftlichen Schaden entscheiden“ wurde durch die Realität gerade in solchen Ländern als totaler Blödsinn entlarvt.

Die zweite Strategie ist eine konsequente NoCovid Strategie . Sie wurde vor allem verfolgt in einem Großteil asiatischer Länder und auch in Australien und Neuseeland. Diese Strategie war sowohl zur Geringhaltung der Todesrate als auch zur Begrenzung des Schadens sehr erfolgreich. Das ist durch umfangreiches Zahlenmaterial belegbar. Viele Leute hielten und halten diesen grundsätzlich anderen Ansatz aber für Europa für indiskutabel. Die Asiaten sind ja ganz anders, meistens handelt es sich um Diktaturen und Neuseeland oder Australien, das sind ja Inseln am anderen Ende der Welt. Solche Argumente konnte man hören und damit wurden Vorschläge, von solchen Staaten zu lernen, meist rundweg abgelehnt.

So entschieden sich fast alle europäischen Staaten für eine Strategie, die ich „Wischi-Waschi“ oder „hin und her“ Strategie nennen möchte. Das bisherige Ergebnis war weder für die Vermeidung von großen Todeszahlen noch für die wirtschaftliche Entwicklung gut. Interessant wäre jetzt mal ein Blick nach Kanada. Weder eine Insel am anderen Ende der Welt, noch eine Diktatur noch von asiatischer Mentalität geprägt. Dort stellen wir fest, dass Provinzen einen sehr unterschiedlichen Weg gewählt haben. Provinzen wie Alberta, Ontario oder Quebec sind einen Weg gegangen, der dem europäischen ziemlich ähnlich war, währen z.B. Nova Scotia, New Foundland und andere einen wesentlich härteren Anti-Covid Kurs gefahren haben, mit wesentlich besseren Ergebnissen sowohl auf medizinischem als auch auf wirtschaftlichem Gebiet.

Ein Teil der Zahlen, die oben genannten Einschätzungen belegen sind zu finden unter https://www.institutmolinari.org/ aber auch die Zahlen bei https://according to local sources… sprechen ein deutliche Sprache. Nun sind wir mittlerweile in der dritten Welle. Spät aber nicht zu spät, um aus den Erfahrungen, die weltweit in mehr 12 Monaten gemacht wurden, zu lernen. Kein Herumeiern sondern harte und konsequente Maßnahmen sind notwendig. No-Covid ist das Gebot der Stunde.

Ostern, Manitou und das große Geheimnis des Lebens

Manitou in Cree Schrift

Vor vielen Jahren in Kanada fragte ich einmal einen alten Angehörigen der Algoquin Nation was für ihn Manitou bedeutet. Er antwortete mir : Schau dir eine Blume an. Du kannst sie mit den Mitteln deiner Wissenschaft untersuchen, sezieren, zerlegen, wie auch immer. Du wirst niemals das Geheimnis ihres Lebens ergründen. Das Leben und seine Kraft ist ein Geheimnis, das unserem Verstand verschlossen bleibt. Manitou , das ist das Geheimnis, das uns alle leben lässt und diese Welt in Gang gesetzt hat und weiter erhält.

Ich gestehe, diese Antwort hat mich sehr beeindruckt. Ich habe mich mein Leben lang mit verschiedenen Religionen dieser Welt beschäftigt. Ich respektiere alle. Ich selbst bin im christlichen Sinne erzogen worden und aufgewachsen. Mein Denken und Glauben ist von christlicher Tradition geprägt. Dies kann und will ich gar nicht ändern. Der Respekt vor dem großen Geheimnis und die Ehrfurcht vor dem Leben ist etwas, was uns alle verbinden sollte.

Ostern feiern wir Christen das Fest der Auferstehung. Das bedeutet den Sieg des Lebens über den Tod. Die letzten Geheimnisse werden dem menschlichen Verstand immer verschlossen bleiben. So müssen wir uns auf das Wagnis des Glaubens einlassen. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. In diesem Sinne wünsche ich allen angenehme und Frohe Ostern .

Wenn der Markt allein die Einkommensverteilung regelt, führt das zur Perversion der Werte

Als 1956 Borussia Dortmund deutscher Fußballmeister wurde, war die Meisterschaftsprämie ein elektrischer Rasierapparat. Der Mannschaftskapitän hatte aber schon einen. „Kein Problem“ sagte der Vorstand. „Dann bekommst du ein schönes Radio. Aber da musst du 20,- DM zuzahlen, weil das ja teurer ist. 1960 war der erfolgreichste deutsche Fußballspieler Uwe Seeler. Sei Gehalt (geschätzt und umgerechnet in €) 7.200 pro Jahr. Das war 2 bis 3 mal soviel, wie ein durchschnittlicher Arbeiter damals verdiente. Heute verdient ein Spitzenverdiener im Profifußball ungefähr 14-15 Mio, das bedeutet ungefähr das 500fache eines durchschnittlichen Arbeiters.

Im Profisport ist die Entwicklung extrem, aber sie ist auch symptomatisch, wie sich die Einkommensverhältnisse auseinanderentwickelt haben. In den 1950er und Anfang der 1960er Jahre war davon auszugehen, dass derjenige, der an der Spitze eines großen Unternehmens stand 10 bis 20 mal so viel verdiente, wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer im seinen Konzern. Im Jahre 2014 belegte eine Untersuchung, dass ein Vorstandsmitglied in einem Dax Konzern das 57fache von dem verdiente, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in gleichen Konzern bekam, ein paar Jahre später war es bereits das 71fache. Wir könnten die Beispiele unendlich fortsetzen: der Investmentbanker, der mehr als 100mal so viel verdient, wie die ausgebildete Spezialpflegekraft auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Jeff Bezos, der sich so nebenbei eine Villa mit 25 Badezimmern kauft, während ein Amazon-Auslieferungsfahrer kaum die Miete für eine menschenwürdige Wohnung von seinem Gehalt finanzieren kann, und vieles mehr.

Das ist keine Neid-Debatte, das ist eine Debatte über die Werte in unserer Gesellschaft. Leistung soll sich lohnen. Da sind wir fast alle einig. Aber wir haben uns von der Idee der sozialen Marktwirtschaft, die einmal am Anfang der Bundesrepublik Deutschland stand, sehr weit entfernt. Wir sollten nicht achselzuckend auf diese Entwicklung reagieren. “ Das ist halt der Markt. Die internationale Konkurrenz ist so. Da kann man nichts machen.“ Nein, wir sollten aufhören, mit einer Vergötzung des Marktes. Die Auseinanderentwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung wird unsere Gesellschaft auf Dauer zerreißen. Kehren wir zurück zu den Werten, mit denen wir einmal angefangen haben, zu den Werten der sozialen Marktwirtschaft !

Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. Wir zerbrechen uns darüber nicht den Kopf. Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.

Verfassungsschutz beobachtet AfD nun bundesweit

Wir sind eine wehrhafte und streitbare Demokratie, die aus den Erfahrungen der Weimarer Republik gelernt hat. Das oben genannte Goebbels Zitat belegt, wie Feinde der freiheitlich demokratischen Grundordnung Freiheiten und Möglichkeiten, die ihnen die Weimarer Republik bot, bewusst ausnutzten, um die Demokratie erst an den Rand der Funktionsunfähigkeit zu bringen und dann zu zerstören. Daraus haben wir gelernt. Das Bundesverfassungsgericht prägte den Begriff der streitbaren, wehrhaften Demokratie. Zu den Grundrechten, die im Grundgesetz niedergelegt sind, gehören einerseits Bürgerrechte, auf die nur Deutsche Anspruch haben, und andererseits allgemeine Menschenrechte, auf die alle Menschen pochen können, die in Deutschland leben. Oberstes Prinzip ist die Würde des Menschen, die unantastbar ist. Wer diese angreift, kann sich nicht auf Freiheiten des Grundgesetzes berufen. Wir werden kein zweites Mal in unserer Geschichte zu lassen, dass Grundsätze der Freiheit und der Demokratie ausgenutzt um Freiheit und Demokratie zu beseitigen.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen ist es zu begrüßen, dass die AFD – spät aber nicht zu spät – ein Verdachtsfall für den Bundesverfassungsschutz geworden ist. Ja, wir sind eine streitbare und auch wachsame Demokratie. Verfassungsfeinde sollen das wissen. Wer in dieser Partei aktiv mitarbeitet, bei dem ist zumindest der Anfangsverdacht gegeben, dass er nicht zu den Werten unseres Grundgesetzes steht und im gegebenen Fall sogar bereit sein wird, diese zu beseitigen. Wer diese Partei wählt, macht es obwohl – oder vielleicht gerade weil ? – hier an maßgeblicher Stelle Rechtsextremisten am Werk sind. Gegenüber solchen Kräften ist keine Neutralität angebracht.

Beweisen wir, dass wir aus der Geschichte gelernt haben und zeigen wir den Feinden unserer Werte, dass wir eine wehrhafte Demokratie sind.

Wenn Mesut schlechtere Chancen hat als Thomas ist das keine Fremdenfeindlichkeit sondern Rassismus

Mesut ist deutscher Staatsbürger und in Deutschland geboren, Thomas auch. Mesuts Großvater ist in Anatolien geboren als türkischer Staatsbürger, Thomas Großvater in Posen als polnischer Staatsbürger. Mesuts Vater kam in den 60er Jahren nach Deutschland, weil ihn eine deutsche Firma angeworben hatte .Thomas` Vater ungefähr 20 Jahre vorher als deutschstämmiger Aussiedler aus den „Ostgebieten“. Wenn sich beide um eine Arbeitsstelle oder eine Wohnung bemühen, wer hat wohl bessere und wer schlechtere Chancen ? Die Antwort wissen wir alle. Womit hat das zu tun? Damit dass der Eine ein Fremder ist und der andere nicht? Wohl kaum, denn fremd sind beide nicht hier. Es hat mit einem tief-verwurzelten Rassismus zu tun, der seit Jahrtausenden Menschen einteilt in solche, die einen besseren Platz in der Gesellschaft beanspruchen dürfen und solche, die nur geduldet und halt für niedere Tätigkeiten vorgesehen sind.

Schon Aristoteles geht von einer natürlich bedingten Unterscheidung von Freien und Sklaven aus. ªDenn geradeso wie ein lebendiges Wesen (zÙon) aus Seele und Leib und die Seele aus Vernunft (lÛgos) und Begierde (Ûrexis) und die Familie aus Mann und Weib und der Besitz aus Herrn (despÛtēs) und Sklaven (do˚los), ebenso ist auch der Staat aus ungleichartigen Bestandteilen zusammengesetzt“ ( Aristoteles, Politik, S. 134 ) . Und die Sklaven sind natürlich fremde Barbaren, die ihm von der Natur für niedere Tätigkeiten vorgesehen zu sein scheinen. Diese Grundeinstellung setzte sich durch die Jahrhunderte fort, so nannte Cicero Juden und Syrer „Menschen, die zu Sklaven geboren wurden“. Im Mittelalter begründete Thomas von Aquin unter Berufung auf Aristoteles die Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit der Sklaverei aus dem dem Naturrecht (Esclaves et domestiques au Moyen Âge dans le monde méditerranéen, Paris 1996 ), Mit dem päpstlichen Bullen „Dum diversas“ (1452) und „Romanus Pontifex“ (1455) wurde es Christen erlaubt, Sarazenen, Heiden und andere zu versklaven. Es gab aber auch Papstbriefe, die sich entschieden gegen Sklaverei aussprachen (JohannesVIII 873 und PiusII 1462). Es ist allerdings nicht klar, ob sich diese nicht ausschließlich auf christlich getaufte Menschen bezogen. Denn auch im Mittelalter war es untersagt, Christen zu versklaven, Es war Christen aber keineswegs verboten, die Angehörigen nicht-christlicher Völker als Sklaven zu halten, so waren zB im Frühmittelalter die meisten slawischen Völker noch nicht christianisiert und der Wortstamm Sklave und Slawe klingt nicht zufällig sehr ähnlich.

Mit der Neuzeit erfuhr die Sklaverei einen neuen Aufschwung und viele weiße Christen sahen offensichtlich keinen Widerspruch darin, versklavten Afrikaner einerseits das Christentum zu predigen und sie zu bekehren, andrerseits sie trotzdem in Sklaverei zu halten. Die im Mittelalter weitgehend gewahrte Unterscheidung zwischen dem Verbot der Versklavung christianisierter Menschen und der Tolerierung bei Nicht-Christen bricht hier auseinander und die rassistische Rechtfertigung kommt klar zum Vorschein. Auch kommt hier der klare Widerspruch zu Tage zwischen den universell proklamierten Menschenrechten der Aufklärung und der Realität. Die Verfasser der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ( „all men are created equal“ ) waren größtenteils Sklavenhalter. Nebenbei Besitzer von Sklaven, die i.d.R. zu dem gleichen Gott beteten wie sie selbst und nach christlichem Glauben ein Abbild des einen Gottes waren . Sowohl der christliche als auch der aufklärerische Anspruch versagten total vor den wirtschaftlichen Interessen und und der tief verwurzelten rassistischen Grundeinstellung.

Auch wenn zumindest die offizielle Form der Sklaverei heute nicht mehr verbreitet ist, die Grundeinstellung bleibt in vielen Köpfen, nämlich es gäbe Menschen für höherwertige Tätigkeiten und solche für die schlechter bezahlten und niederen. Und es ist wohl kein Zufall, das diese Einteilung sehr oft mit deren ethnischer Herkunft einhergeht. Abstammung, Hautfarbe oder einfach nur der Name entscheiden viel zu oft, über die Chancen die ein Mensch in unserer Gesellschaft hat. Diese Realität und die zu Grunde liegende Denkweise gilt es zu überwinden, sonst bleiben all unsre aufklärerischen, christlichen und humanistischen Ideale nur eine dünne Fassade, hinter der sehr schnell eine Menschen-feindliche und rassistische Wirklichkeit hervortritt.

Kein Witz. Ich habe das noch in der Schule erlebt: Klo Knaben katholisch

Getrennte Toiletten für evangelisch und katholische Schüler in einer Schule

Im Alter von 6 Jahren kam ich in die Schule. Der Krieg war seit 10 Jahren zu Ende. Aber immer noch waren viele Schulgebäude zerstört. So mussten sich die evangelische und die katholische Volksschule am Ort ein Gebäude teilen. Trotz der dadurch verursachten räumlichen Enge hielt man es für notwendig für die Schülerinnen und Schüler vier Toiletten zu haben: Mädchen evangelisch, Mädchen katholisch, Knaben evangelisch, Knaben katholisch. Unglaublich aber wahr. Und ich kenne die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens ( ich bin heute mehr als 40 Jahre mit ihr verheiratet ) , die kam mit ihren Eltern 1960 – als Flüchtling aus der DDR – in ein kleines, rein katholisches Dorf im Rheinland. Man erwartete von ihr, mehr als eine Stunde mit dem Linienbus zur nächsten evangelischen Volksschule zu fahren. Erst nach langwierigen Verhandlungen mit dem Kreis-Schulamt durfte sie die katholische Volksschule, die um die Ecke lag, besuchen. Für uns Kinder waren Konfessions-Unterschiede auch damals kein Problem. Aber wir hörten manchmal von den Erwachsenen Äußerungen über die jeweils andere Konfession “ die sind alles Heuchler “ oder “ die sind so fanatisch“.

Solche Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Wenn ich heute mit jungen Leuten rede, dann können die mit dem Begriff „Mischehe“ nichts anfangen oder vermuten dahinter etwas völlig anderes als in den 50er und 60er Jahren des vorherigen Jahrhunderts damit gemeint war. Damals war das nämlich die Bezeichnung für eine Ehe zwischen katholischen und evangelischen Christen. Junge Leute vermuten hinter dieser Bezeichnung eher zB eine Ehe zwischen einer weißen Europäer*in und einem Einwanderer aus Afrika, oder eine Ehe zwischen einer Muslima und einem Christen. Vor dem Hintergrund meiner Lebenserfahrung begründet sich dadurch die Hoffnung, Vorurteile die uns heute noch oft trennen, werden zukünftigen Generationen genauso lächerlich erscheinen, wie eine Trennung der Klos für katholische und evangelische Jungens. Gesunder Menschenverstand und gegenseitige Toleranz wird sich durchsetzen. Freundschaften und auch Ehen zwischen Menschen völlig unterschiedlicher ethnischer Herkunft oder Religion werden – trotz Vorurteilen und widerlicher Hetze – auf Dauer als etwas völlig normales empfunden werden. Liebe, Toleranz und gegenseitiges Verständnis sind stärker als der Hass. Und wenn es noch etwas braucht um diese Zuversicht zu bestärken, dann fällt mir ein in Köln geborener Freund ein. Sein Name und sein mediterranes Aussehen weisen auf eine nicht-deutsche Abstammung hin, aber er sagt im bester kölscher Mundart.

„Ich binne ne Kölsche Jung, watt willste mache?
Ich binne ne Kölsche Jung und tun jern lache.