Eine Weihnachtsgeschichte

Mein Buch `Die Macht des Schicksals`hat einen Epilog, der gleichzeitg Prolog für ein neues Buch ist, das in 2016 veröffentlicht werden wird. Serena eine der handelnden Personen erzählt, wie ihr Großvater Weihnachten 1944 zum ersten Mal nach Deutschland kam.

Serena beginnt zu erzählen:
Mein Großvater ist im Dezember 1944 nach Deutschland gekommen. Am 16. Dezember hat Hitler die Ardennenoffensive befohlen, um doch noch die Wende an der Westfront zu erzwingen. Es wird von beiden Seiten erbittert gekämpft. Die amerikanischen Truppen geraten tatsächlich unter Druck.
Es war ein harter und schneereicher Winter. Opa Joe, damals noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, ein junger schwarzer Soldat aus den Südstaaten der USA, erlebt zum ersten Mal in seinem Leben echten Schnee. Davon hatte er oft geträumt, aber er hatte sich diese Erfahrung wirklich nicht unter diesen Umständen gewünscht.
Am 24. Dezember wird er zusammen mit zwei Kameraden von seiner Truppe getrennt. Er hat eine Schussverletzung, die nur notdürftig verbunden worden ist. Die beiden anderen stützen ihn, während sie durch den hohen Schnee stapfen.
Er friert. Ist es die Kälte? Ist es der Blutverlust? Wahrscheinlich beides. Sie wissen nicht genau wo sie sind. In Belgien? In Deutschland? Jedenfalls in der Nähe der Grenze.
Als es Abend wird, sehen sie ein einsames Haus. Drinnen ist Licht. Also es ist bewohnt. Sollen sie es wagen und dorthin gehen? Nach kurzer Beratung entscheiden sich für folgendes. Sie wollen zu dem Haus gehen, an die Tür klopfen und die Bewohner fragen, ob sie sich dort ein bisschen aufwärmen und ausruhen können. Das wollen sie machen, ganz gleich ob jetzt Deutsche oder Belgier darin wohnen.
Währenddessen steht in der Küche des Hauses Helga am Herd und kocht Hühnersuppe. Fritz, ihr zwölfjähriger Sohn schaut ihr dabei zu und schnuppert sehnsüchtig den Duft, der vom Herd herüberzieht. Die Zeiten sind schlecht und die Mutter hat oft genug Probleme gehabt, ihren Sohn satt zu bekommen. Aber für den Heiligen Abend hatte sie sich einiges aufgespart, um zumindest im bescheidenen Umfang etwas Festliches auf den Tisch zu bringen.
Helga rührt im Topf und denkt an ihren Mann. Wo der jetzt wohl ist? Wie schön wäre es doch, wenn er zu Weihnachten bei Ihnen sein könnte. Sie seufzt. Das ist natürlich nicht möglich. Insgeheim hat sie ja gehofft, dieser schreckliche Krieg wäre vielleicht sogar kurz vor Weihnachten zu Ende. Aber jetzt sieht es gar nicht danach aus.
Jetzt klopft es an der Tür. Sie hat keine Ahnung, wer das sein könnte. Vorsichtig geht sie zur Tür und öffnet. Da stehen drei Soldaten, unbekannte Uniformen, schwarze Hautfarbe. Das müssen Amerikaner sein. Für einen Moment bekommt sie Angst. Dann sprechen die Soldaten sie in einer Sprache, die sie nicht versteht, mit freundlicher Stimme an.
Sie hört nur so etwas wie „ cold“ und „ warm“ und ein paar Worte mehr, die sie nicht versteht. Die Soldaten haben Waffen, sie könnten sich auch mit Gewalt Einlass verschaffen. Aber das tun sie nicht. Helga denkt auch an ihren Mann, der jetzt, Gott weiß wo, wahrscheinlich der Kälte ausgesetzt ist. Sie entscheidet spontan und macht eine einladende Bewegung mit ihrem Am. „ Kommt rein.“
Die drei Soldaten treten ein und bedanken sich mit einem Lächeln. Die Verständigung ist schwierig, weil der eine die Sprache des anderen nicht spricht. Aber Gesten helfen da weiter. Als Helga den verwundeten Joe sieht, deutet sie auf das Sofa. Die Kameraden bringen ihn dahin, weil er sich liegend am besten ausruhen kann. Dann setzen sich alle anderen auf Stühle rund um den Küchentisch.
Helga überlegt, wie das jetzt mit dem Essen wohl geregelt werden soll. Sie ist ja nur für zwei Personen eingerichtet, und jetzt sind fünf da. In diesem Moment klopf es schon wieder an der Tür.
„ Deutsche Wehrmacht, machen sie bitte auf.“ Helga und Fritz werden blass. Sie wissen, was sie im Augenblick machen, nennt man Begünstigung des Feindes. Dafür sind schon manche erschossen worden. Die amerikanischen Soldaten haben nicht verstanden, was gesagt wurde. Aber vorsorglich vergewissern sie sich, dass ihre Waffen griffbereit sind.
Helga denkt. „Zumindest haben die Bitte gesagt.“ Dann geht sie entschlossen, aber doch mit Herzklopfen zur Tür. Sie öffnet nur einen Spalt.
Draußen stehen fünf deutsche Soldaten, die Uniformmäntel teilweise mit Schnee bedeckt. Sie machen einen genauso verfrorenen Eindruck, wie die Amerikaner vorher. „ Lassen Sie uns bitte rein, damit wir uns ein bisschen aufwärmen können“.
Helga zögert einen Moment. Was soll sie sagen? Dann entscheidet sie sich spontan, die Flucht nach vorn anzutreten und mit fester Stimme spricht sie:
„ Klar könnt ihr ihr reinkommen. Aber es sind schon drei Amis da. Einer ist verwundet und alle sind genauso durchgefroren wie ihr. Ich sage euch, heute hat Ruhe zu sein. Es ist Heilig Abend! Friede auf Erden!“
Die deutschen Soldaten zögern. Aber Helgas letzten Worte wirken wie eine Zauberformel: Heilig Abend! Friede auf Erden! Sie treten schweigend und vorsichtig ein.
Sofort treffen die Blicke der deutschen und amerikanischen Soldaten aufeinander. Keiner sagt ein Wort. Aber unausgesprochen liegt in allen Blicken die Frage: Seid ihr es nicht genauso leid, dass wir aufeinander schießen? Soll nicht wenigstens für ein paar Stunden Frieden sein? Und sie nicken einander in stillem Einvernehmen zu.
Helga geht jetzt durch den Kopf: Ich habe Essen ja nur für Fritz und mich vorbereitet. Aber jetzt sind wir zehn. Sie hat noch einige Vorräte für den absoluten Notfall im Keller gebunkert. Sie spricht zu den Deutschen und macht den Amerikanern mit Handbewegungen und Gebärden klar, dass sie für alle Essen zubereiten will. Zur Antwort bekommt sie ein dankbares Lächeln von allen Seiten.
Die Soldaten schauen sich in dem Raum um und sehen einige Tannenzweige und ein paar Kerzen, die einen Hauch von weihnachtlicher Atmosphäre verbreiten. Nachdem Helga aus dem Keller zurückkommt zündet sie die Kerzen an und fordert Fritz auf, ein Weihnachtslied zu singen. Er beginnt und sie singt im Hintergrund mit.
„ Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht,
Nur das traute hochheilige Paar-
Holder Knabe im lockigen Haar-
Schlaf in himmlischer Ruh.
Schlaf in himmlischer Ruh.“
Die deutschen Soldaten summen leise mit, dann auch die amerikanischen und als erster beginnt der verwundete Joe zu singen:
„Silent night, Holy night
All is calm, all is bright
Round yon virgin, mother and child
Holy infant, tender and mild
Sleep in heavenly peace,
Sleep in heavenly peace.”
In den Augen der Soldaten, die im Krieg so vieles Fürchterliches gesehen haben, sind jetzt Tränen. Die Herzen, die verhärtet waren, werden weich. Der Zauber der Weihnacht hat alle erfasst.
Helga steht am Herd und bereitet aus den Resten, die sie aus dem Keller geholt hat, und die als letzte Reserve für den größten Notfall gedacht waren, ihren Weihnachtsgästen ein warmes Abendessen.
Alle Anwesenden riechen voller Dankbarkeit, den Duft des Essens, der zu ihnen herüber zieht. Auch wenn es nur eine bescheidene Mahlzeit ist, die Helga für sie bereitet, alle haben das Gefühl, ein weihnachtliches Festmahl wartet auf sie.
Dann setzen sich alle an den Tisch und bevor sie das Essen serviert zitiert sie kurz aus der Weihnachtsgeschichte.
„ Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“
Joe, der sich vom Sofa hochgequält hat und mit den anderen am Tisch sitzt, kann die auf deutsch gesprochenen Worte nicht verstehen, aber er wiederholt in seiner Sprache.
„Glory be to God on high and on earth peace to me of good.”
“Amen” antwortet es danach von allen Seiten und jeder lässt sich das Essen schmecken.
Am nächsten Morgen gingen die Soldaten wieder, die Deutschen in die eine Richtung und die Amerikaner in die andere. Der Krieg sollte noch mehr als vier Monate dauern. Doch für die Zeit von ungefähr zwölf Stunden hat er in dem kleinen Haus an der deutsch-belgischen Grenze stillgestanden.
Serena ergänzt: Mein Opa Joe ist vor kurzem im Alter von fast neunzig Jahren gestorben. Zum Schluss litt er an Demenz. Aber selbst dann waren noch in seinem Gedächtnis hängen geblieben die ersten Worte, die er in deutscher Sprache gehört und nie vergessen hat. Sie lauten:
Heilig Abend und
Frieden auf Erden
***********

Ich wünsche Euch allen friedvolle und glückliche Weihnachtstage

 

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