Christentum, Islam und die Trennung zwischen Staat und Kirche

Die AFD möchte offensichtlich Stimmen gewinnen, in dem sie eine in großen Teilen der Bevölkerung vorhandene Angst vor dem Islam ausnutzt. Aus der Sicht dieser Partei ist das taktisch sogar relativ erfolgversprechend. Nur knapp 5% der Bevölkerung in Deutschland haben ein geschlossenes rechtsradikales Weltbild, bei immerhin 20% ist eine bestimmte Ausländerfeindlichkeit vorhanden, aber bis zu 40% haben zum Teil starke Vorbehalte dem Islam gegenüber.

Doch wie sieht es mit unserem Grundgesetz und der politischen Wirklichkeit aus? Der Islam ist eine Religion und genießt als solche den vollen Schutz unseres Grundgesetzes. Selbstverständlich hat eine Religion das Recht Gotteshäuser zu bauen, diese mit Kirchtürmen  oder Minaretten zu versehen und Gläubige durch Glockengeläut oder den Ruf des Muezzin zum Gebet zu rufen. Selbstverständlich kann dieses Recht zum Schutz der Allgemeinheit zb durch Lärmschutz-Vorschriften oder Baurecht eingeschränkt werden. Darüber ist eigentlich nicht zu diskutieren, es sei denn, man will unsere freiheitliche Grundordnung in Frage stellen.

Das Problem liegt meines Erachtens eher in der Trennung zwischen Staat und Kirche. Dass kirchliche und weltliche Autorität eine unselige und enge Verbindung oft eingegangen sind, ist wahrhaftig kein für den Islam spezifisches Problem. Nicht nur im finsteren Mittelalter auch die absoluten Herrscher in der Zeit der Aufklärung leiteten ihre Macht von Gottes Gnaden ab. Die Verbindung von Thron und Altar war noch im 19. Jahrhundert sprichwörtlich und in den evangelischen deutschen Ländern war der Landesherr gleichzeitig Kirchenoberhaupt. Gleichzeitig gab es aber ausgehend von den Philosophen der Aufklärung eine Gegentendenz, die eine Trennung von Kirche und Staat forderte.Die erste Verfassung in der dieses Konzept nachhaltig Eingang gefunden hat, ist die Verfassung der USA.

In vielen anderen Staaten gab es in den folgenden Zeiten vielerlei ähnliche Entwicklungen, natürlich auch Gegenkräfte und nicht selten ein Auseinander-Driften von Verfassungstheorie und Wirklichkeit. In der Türkei gibt es seit 1924 eine säkulare Verfassung, in der letzten Zeit sind aber starke Gegenkräfte in der politischen Landschaft wirksam. In Polen wurde die ausdrücklich Trennung zwischen Kirche und Staat von. 1952 in der Verfassung von 1997 wieder relativiert und seit dem Regierungswechsel im letzten Jahr ist ein verstärkter Einfluss klerikaler Kräfte festzustellen.

Aber die Verfassungs-Wirklichkeit kann sich auch anders verschieben. Es kommt darauf an, wie die Zivilgesellschaft sich entwickelt. Manchmal zeigt sich das an scheinbaren Kleinigkeiten. In den fünfziger Jahren rutsche einem Fußball-Kommentator während der Spielberichterstattung heraus “ Liebrich, du bist ein Fußball-Gott“ . Anschließend bekam er Ärger. Kirchenvertreter  witterten Blasphemie. Ungefähr fünfzig Jahre später beendete  der Ex-Nationalspieler Jürgen Kohler seine Karriere. Zehntausende im Dortmunder Westfalenstadion ( sicherlich Christen, Muslime und Atheisten gemeinsam) skandierten “ Jürgen-Kohler-Fußballgott“. Niemand beschwerte sich darüber. Ich, wie die Mehrheit in diesem Lande, möchte mir nicht von irgendwelchen kleinkarierten Menschen vorschreiben lassen, was ich zu sagen habe oder nicht. So bin ich beispielsweise auch froh, dass die Versuche von verschiedenen Politikern den § 166 im Strafgesetzbuch zu verschärfen ( sogenannter Blasphemie §) gescheitert sind, zuletzt gab es diesen Versuch von CSU Politikern nach der Veröffentlichung der Mohammed Karikaturen in der Zeitschrift Charlie Hebdo (  3 Jahre vor den Attentaten).

Übrigens eine Religion braucht nicht den Beweis antreten, das sie und alle Aussagen in ihren heiligen Bücher mit dem Grundgesetz übereinstimmen. Dann hätten auch die christlichen Kirchen ein Problem. Wie die Aufforderungen zum Völkermord im 4.Buch Mose rechtfertigen? Oder ist die frauenfeindliche Einstellung, die an einigen Stellen in den Paulusbriefen zum Ausdruck kommt, grundgesetzkonform? Nein es zählen nur die Handlungen, nicht Glaubensinhalte. Das hat bereits Thomas Jefferson, einer der Väter der US Verfassung, sehr gut in einem Kommentar ausgedrückt “ the legitimate powers of government reach actions only, not opinions.“

Im deutschen Grundgesetz ist eine Trennung zwischen Staat und Kirche nicht verankert, wie zB  in der Verfassung der USA oder Frankreichs. Aber wir sollten uns dafür einsetzen, dass sich die Verfassungswirklichkeit weiter in diese Richtung entwickelt. Etwas anderes macht ja auch wohl kaum Sinn bei einer Bevölkerung, zu der zu 29% evangelische Christen, zi 30% Katholiken und zu 34% Konfessionslose gehören.

There is no darkness, but ignorance

Es gibt keine Dunkelheit, nur Unwissenheit

( William Shakespeare)

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