Der Nationalismus gehört zum 19.Jahrhundert – Europa zum 21. Jahrhundert

 

In den letzten Jahren stellen wir teilweise ein Wiedererstarken des Nationalismus fest. Seine Ideologen tönen von einer tausendjährigen Geschichte der deutschen Nation und möchten beispielsweise auch, dass sie eine tausendjährige Zukunft hat (Höcke AFD). Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man über solchen unhistorischen Schwachsinn lachen.

Im Mittelalter gab es keine Nationen. Die staatliche Gewalt war feudalistisch und größtenteils lehensrechtlich organisiert. Es gab zb noch nicht einmal eine einheitliche deutsche Sprache. Die entstand erst mit Beginn der Neuzeit. Trotzdem war Deutschland zu dieser Zeit größtenteils nur ein geografischer Begriff.

Der Nationalismus in Europa entstand mit der französischen Revolution und war fortschriftlich und demokratisch. Mit „Vive La France“ und „Vive la Revolution“ widerstanden die  Revolutionstruppen den ausländischen Interventions Heeren. Nachdem unter Napoleon die revolutionäre Bewegung in einen französischen Imperialismus umgeschlagen war, entstand in den Befreiungskriegen eine deutsche Nationalbewegung. Sie war auch in den folgenden Jahrzehnten größtenteils fortschrittlich und liberal. Im weiteren Verlauf nutzen aber auch die Monarchen den nationalen Gedanken für ihre Zwecke.

Der bekannteste Vertreter der Nationalismus Forschung, Ernest Gellner erklärt das so.  Er nimmt an, dass der Modernisierungsprozess die Entwicklung eines einheitlich administrierten Staatsgebietes mit klar abgrenzbaren Eigenschaften notwendig machte. Auch erfordert die Modernisierung eine neue Ideologie, welche das dem Feudalismus noch dienliche Konzept der göttlichen Ordnung – jeder steht an seinem Platz und es ist gottgefällig, dort ein Leben lang zu verbleiben – ablöste. Denn Industrialisierung und Kapitalismus erfordern stärkere Mobilität der Menschen und das Konzept der Nation kann einen Rahmen für diese sowohl vertikale wie horizontale Beweglichkeit bieten, ohne auf eine einheitliche Ideologie verzichten zu müssen. Aus den Anforderungen ergibt sich auch die Forderung, dass alle Menschen in einem Wirtschaftsraum auf die Mobilität vorbereitet werden: Am besten kann dies wiederum der Nationalstaat leisten, der für die Durchsetzung einer einheitlichen Sprache und eines überall gleichen Erziehungskanons sorgt. Allerdings birgt der Nationalismus auch damals schon Gefahren: Eine Überhöhung der kulturellen und ethnischen Unterschiede, nationale Romantik und die klare Abgrenzung der Nationen gegeneinander kann leicht zu Kriegen und auch zu Programmen der ethnischen Säuberung eskalieren.

Gellner wehrt sich dennoch gegen ein Verständnis der Nation als Gemeinschaft im Unterschied zu Gesellschaft: Das erste Modell erscheint ihm angesichts der Tatsache, dass die Nation letztlich ein Mittel zum Zweck der Modernisierung ist, fehlgeleitet und eben die Wurzel von romantisch-aggressivem Verhalten. Er begreift Nationen vielmehr als rationale Veranstaltung, die sich jedoch des Vokabulars der irrationalen Gemeinschaftlichkeit bedient. Und er macht sich keine Illusionen über die baldige Überwindung nationalistisch befeuerter Konflikte. Erst wenn die Einsicht um sich greift, dass nur supranationale Zusammenarbeit funktional ist, wird der mörderische Irrationalismus mancher Nationalisten ein Ende haben – erzwingen lässt sich das nicht.

Der Nationalstaat, der im 19.Jahrhundert noch funktional war, ist so unfähig die Probleme des 21.Jahrhunderts erfolgreich anzugehen, wie es die 38 deutschen Klein und Einzelstaaten vor 200 Jahren waren. Der Weg führt nicht zurück zum Nationalismus sondern nach Europa. Das wird nicht aufzuhalten sein, da können rückwärtsgewandte Politiker noch so schreien. Die Frage ist nur, wie lange es dauert. Denken wir aber daran: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und die Frage ist, wird es ein Europa der Konzerne und Bürokraten oder ein demokratisches Europa der Bürger. Deshalb lautet die Losung.

Vive la Démocratie
Vive l’Europe

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