Die Märchenerzähler und die angeblich erfolgreiche 1000jährige deutsche Geschichte

Die Bewegung der Rechtsextremen in Deutschland glaubt ein Narrativ zu brauchen und da sind sie nicht zimperlich. Sie erfinden gerne das Märchen einer angeblich erfolgreichen 1000jährigen Geschichte und sie scheuen sich auch nicht, sich auf ein angeblich schon vor 1000 Jahren existierendes Heiliges Römisches Reich deutscher Nation zu berufen. Das ist natürlich hanebüchener Unfug.

Ein Heiliges Römisches Reich deutscher Nation (sacrum imperium Romanum nationis teutonicae) gab es erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts für etwas mehr als 300 Jahre bis 1806. Vorher im Mittelalter hatte das römische Reich mit Nationen überhaupt nichts zu tun, es basierte auf dem Lehen-System, es konnte ohne weiteres ein französischer Lehensherr einen englischen Lehensmann haben oder umgekehrt. Es gab ein Römisches Kaiserreich ( Imperium Romanum ) Kaiser war u.a. Richard von Cornwall (1257-1272) oder den Staufer Friedrich II , der sich bevorzugt in Süditalien aufhielt. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation später in der frühen Neuzeit war mit Sicherheit kein einheitliches Staatsgebiet mehr. „Dieser Korpus, der sich immer noch Heiliges Römisches Reich nennt, ist in keiner Weise heilig, noch römisch, noch ein Reich“. (Voltaire).

Es gibt Leute, die versuchen ein einheitliches Narrativ daraus zu machen. Es habe eine verfassungsmäßige Ordnung existiert, schließlich habe es ja ein Reichskammergericht und einen Reichshofrat gegeben.  Ein nationalistischer Ideologe verstieg sich sogar zu der kühnen Behauptung, da der Philosoph Montesquieu (Gewaltenteilung) sich positiv über das Reichskammergericht geäußert habe und Montesquieu mit seinen Gedanken die US Verfassung beeinflusst habe, sei hier letzten Endes der Ursprung für moderne demokratische Verfassungen gelegt, der über die USA dann nach Deutschland zurückgekommen sei. Aha, am deutschen Wesen wird also wieder mal die Welt genesen, sie hat es nur noch nicht gemerkt.

Eigentlich könnte man diesen ganzen Unfug schnell beiseite legen, wenn hier nicht etwas anderes zu Grunde läge. Rechte Ideologen versuchen ihrer ungebildeten Basis, die da grölt, „Wir sind das Volk“ einen Mythos von der erfolgreichen und ewigen deutschen Nation vorzugaukeln. Deshalb nochmal ein an den Fakten orientierter Blick auf das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Verfassungskonflikte wurde nicht etwa durch das hochgelobte Reichskammergericht sondern durch eine große Zahl blutiger kriege versucht zu lösen. Die bekanntesten der 30jährige Krieg und der 7jährige Krieg mit Millionen von Toten.

Natürlich haben hier auch ausländische Mächte mitgemischt und Deutschland war öfter eine Art Syrien auf deutschem Boden. Eine erfolgreiche 1000jährige deutsche Geschichte sieht wohl anders aus. Vielleicht spricht aus der ganzen Geschichtsfälschung auch der Frust deutscher Nationalisten, dass es erst vergleichsweise spät (1871) gelungen ist durch einen von Bismarck provozierten Krieg (Emser Depesche) einen einheitlichen deutschen Staat zu gründen. Die Märchen der deutschen Nationalisten haben Tradition: Der mittelalterliche Kaiser Rotbart schläft im Kyffhäuser und wartet darauf sein Volk zu befreien. Lächerlich, aber es war ein gerne verbreiteter Mythos im 19 Jahrhundert. Die nationalistischen Ideologen brauchen Märchen und Mythen. Sie werden teilweise auch geglaubt. Noch heute meinen viele zb die Loreley sei eine uralte deutsche Sage. Aber sie ist der Fantasie des Clemens von Brentano ( 1778-1842) entsprungen.

Niemand kann vernünftigerweise sagen, dass die deutsche Geschichte schlechter ist als die anderer Nationen, mit Ausnahme der schlimmsten Zeit 1933-1945 natürlich. Es hat auch zahlreiche Persönlichkeiten gegeben an die wir uns mit Stolz erinnern können. Ich denke da an Guttenberg, Lessing, Goethe, Beethoven und Heine. Was würden die wohl zu den Nationalisten heute sagen. Wahrscheinlich:

Fatal ist mir das Lumpenpack,
das, um die Herzen zu rühren,
den Patriotismus trägt zur Schau,
mit allen seinen Geschwüren

(Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen)

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