Ich bin ein alter weißer heterosexueller konservativer Mann ohne Migrationshintergrund und akzeptiere, diese Welt ändert sich sehr schnell

Ich bin aufgewachsen in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Welt sah damals für uns völlig anders aus als heute. Es war selbstverständlich, der deutsche Bundeskanzler und die wichtigen Politiker des Westens waren weiße Männer, US Präsident wurde man nur als “ White anglosaxon Protestant“, homosexuelle Menschen waren eine verachtete Minderheit, über die wir dumme Witze machten und Umweltschutz war kein Thema für uns; viel Autofahren, Fliegen oder großer Fleischkonsum waren ein Zeichen von Fortschritt und Wohlstand, Grenzen des Wachstums oder Klimawandel waren unbekannte Begriffe. In der Welt, in der wir lebten, hing der Platz der Menschen ganz selbstverständlich von Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität und Religion ab.

Seitdem hat sich viel verändert. In den USA übernahm 1997 die erste Frau die Leitung des Außenministeriums, 2008 kam der erste schwarze Präsident ins Amt. In Deutschland wurde im Jahr 1993 die erste Frau an die Spitze eines Bundeslandes gewählt, 2000 an die Spitze der CDU, 2001 regierte der erste offen schwule Mann ein Bundesland, 2005 übernahm die erste Frau das Kanzleramt, 2009 der erste offen schwule Mann ein Bundesministerium, 2010 wurden erstmals gleichzeitig zwei Bundesländer von Frauen regiert, 2013 saßen zum ersten Mal eine Muslima und eine offen lesbische Frau am Kabinettstisch.

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der Innovation in exponentieller Geschwindigkeit vorangetrieben wird, in der berufliche Perspektiven sich innerhalb weniger Jahre völlig ändern. Mein Opa zB war Bergmann und er arbeitete 42 Jahre auf der gleichen Zeche. Vieles war gemütlicher und insgesamt war ein größeres Gefühl von Sicherheit da. Heute erleben wir, dass sich alles rasend schnell ändert, dass der Fortbestand unserer Zivilisation durch weitgehend vom Menschen gemachten Klimawandel bedroht ist, erleben wir, wie Migrationsbewegungen die Welt erschüttern.

Ja, ich kann gut verstehen, dass viele Menschen -nicht nur aus meiner Generation, auch viel jüngere- total verunsichert sind. Dass sie gerne die Entwicklung etwas verlangsamen möchten, dass sich viele hilfesuchend nach Werten umsehen, die scheinbar verloren gegangen sind. Aber Werte, an denen wir uns orientieren können, sind immer noch da. Es sind im Grunde konservative Werte wie Respekt, Mitmenschlichkeit, Erhaltung der Umwelt, Solidarität und auch Familie, ohne dass wir den letzteren Begriff immer nur auf die traditionelle Struktur begrenzen müssen.

Aber ich habe kein Verständnis dafür, angesichts der Angst machenden Entwicklung Rattenfängern auf den Leim zu gehen, die da von Nation und Verteidigung der Kultur gegen fremde Einflüsse reden, die von Umvolkung und Bevölkerungsaustausch schwafeln und die Probleme des 21. Jahrhunderts mit Ideologien des 19. Jahrhunderts lösen wollen. Von diesen müssen wir uns im Sinne unserer Werte mit aller Deutlichkeit abgrenzen.

Vieles war früher einfacher, manches vielleicht sogar besser. Aber Jammern hilft nichts. Wir leben in einer Zeit mit bisher unbekannten Entwicklungen und Bedrohungen. Denen können wir nur zukunftsgewandt begegnen, indem wir uns an dem Kompass orientieren, der auch in unserem Grundgesetz zum Ausdruck kommt: „als gleichberechtigtes Mitglied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen“ und dabei Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit achten.

4 Gedanken zu “Ich bin ein alter weißer heterosexueller konservativer Mann ohne Migrationshintergrund und akzeptiere, diese Welt ändert sich sehr schnell

  1. Lieber Lothar wunderschön geschrieben. Der Zeit rast davon mit eine unglaubliche Geschwindigkeit .Ich weiss nicht ob das gut ist aber eins weiss ich das die Zeiten sowie auch politische Lage anderes sind und meine Meinung auch gefährlich . Früher waren Diplomatische politische Beziehung zwischen der Staaten sehr wichtig .Heute nicht mehr .Auf Teufel komm raus wollen alle Krieg und Waffenlobby geld schaufeln. Kaum jemand von dieser Politiker denken an zukünftige Generationen….. unsere leben war früher viel schöner ,unter anderen weil wir schätzen die Werte von Frieden !

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  2. What a beautiful essay that connects your time in the past with the present. I agree, we must hold onto the values that matter most to humankind, even amidst the turmoil of rapid change and innovation. We must never lose our humanity.

    I loved this post. 🦋🌺💖

    Gefällt 1 Person

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