Hitler, Mao, Stalin, Leopold II (Belgien) und die Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen

ein Denkmal der Schande gegen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad

“ 74 Jahre nach dem 2. Weltkrieg sollte man doch endlich aufhören mit der ständigen Erinnerungskultur“, “ außerdem gab es auch andere Völkermorde und sogar größere Massenmörder als Hitler“. Solche Sprüche höre ich immer wieder und in der letzten Zeit aus einer bestimmten Richtung immer öfter. Haben die Recht?

Ich werde hier bestimmt keine perverse Zahlenspielerei machen und versuchen vorzurechnen für wieviel Millionen Tote und Morde die oben genannten Personen ( die Reihe ließe sich jederzeit erweitern) verantwortlich sind, und ob Hitler nur den 3. Platz in dieser Liste einnimmt. Für die Erinnerungskultur von Russland, China oder Belgien fühle ich mich nicht zuständig. Außerdem ist der Charakter der Nazi-Verbrechen von einer Art, die jede Relativierung verbietet.

Das in der UN Konvention genannte Kriterium für Völkermord wurde in der Geschichte leider allzu oft erfüllt, Verbrechen in der „Absicht eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören.“ Man kann aber schon feststellen, in so kurzer Zeit, gut organisiert und industriell durchgeführte Morde sind nur dem Nazi-Regime zuzurechnen. Aber es gibt noch ein weiters entscheidendes Merkmal der Einzigartigkeit.

Das erschreckende an den Nazi-Verbrechen für mich, ist der totale Kulturabsturz innerhalb kürzester Zeit. In Russland, China und den von Kolonialherren ausgebeuteten Ländern Afrikas waren brutalste Menschenrechtsverletzungen, Diktatur und Staatsterror leider jahrzehntelang übliche Praxis. Doch dass im Lande Goethes, Beethovens, Heines und Thomas Manns hunderttausende Menschen zu finden waren, die sich an solchen Verbrechen beteiligten, hätten viele nicht für möglich gehalten und macht auch mich heute noch fassungslos. Und es waren hunderttausende Mittäter! Oder glaubt jemand 400 Konzentrationslager sein ohne eine sechsstellige Zahl von Helfern auf verschiedenen Ebenen zu betreiben gewesen?

Auch die Täter selbst waren sich ihrer absoluten Grenzüberschreitung bewusst. Himmler forderte in seiner Posener Rede 1943 die Täter sollten dieses „niemals geschriebene und niemals zu schreibende Ruhmesblatt unserer Geschichte“ als Geheimnis mit ins Grab nehmen. Trotz dieser unvorstellbaren Verbrechen sahen sie sich aber als anständige Menschen.

„Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Ich gestehe, ich bin erschüttert, diese Texte zu lesen und mir dabei vorzustellen, da waren Leute am Werk, die hatten vielleicht 15 oder 20 Jahre vorher Goethe und Schiller in der Schule gelesen. Aber sie hatten vielleicht auch gesungen „und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt“. Haben sie damals schon sich vorstellen können, es würde auch mal Ernst, oder haben sie wie viele das vielleicht nur als eine verbale Kraftmeierei angesehen?

„Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen.
Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahm zu legen.
Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ (Joseph Goebbels 1928)

15 Jahre nach dieser Goebbels Rede war das Massenmorden im vollen Gange. Ich selbst bin so alt wie die Bundesrepublik Deutschland und ihr Grundgesetz und habe die Gräueltaten der Nazis nicht persönlich erlebt. Aber ich fühle meine Verantwortung, dazu beizutragen, dass sich so etwas niemals wiederholt.

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