Die Guten, die Bösen und die Flüchtlinge, vielleicht sind wir alle nur : Der Gute Mensch von Sezuan

Flüchtlinge und Migranten aller Art suchen den Weg nach Europa um Kriegen oder Verfolgung zu entkommen oder einfach nur, weil sie ein lebenswertes Leben führen möchten. Manchmal belächelte Gutmenschen und sogenannte Realisten streiten, wie mit den Hilfe Suchenden umzugehen sei. Dahinter steht letztendlich die Frage, kann man gut sein in einer Welt, die so aussieht, dass sie Profitstreben und Rücksichtlosigkeit belohnt und menschliches Handeln naiv aussehen lässt? Dabei muss ich oft an Brechts Parabel „Der Gute Mensch von Sezuan“ denken.

3 Götter kommen undercover nach Sezuan, sie finden nur böse und hartherzige Menschen, mit Ausnahme der Prostituierten Shen Teh. Sie wird belohnt mit einem Geldbetrag von dem sie sich einen kleinen Tabakladen kaufen kann und mit moralischen Ermahnungen zurückgelassen. Allerdings scheint Shen Te zu gutmütig für diese Welt zu sein, sie wird von Schmarotzern aller Art ausgenutzt. Schließlich steht sie schwanger, allein gelassen und fast ruiniert da. Dann tritt ihr angeblicher Vetter Shui Ta auf. Mit Härte und Rücksichtslosigkeit löst er alle Probleme. Mit ausbeuterischen Methoden baut er sogar eine florierende Tabakfabrik auf. Doch die Menschen vermissen Shen Te, die auf einmal verschwunden ist und Shui Ta wird verdächtigt sie ermordet zu haben. Erst im Prozess offenbart Shen Te, dass dieser nur ihr alter Ego ist, das sie brauchte, um in dieser Welt nicht unterzugehen.

Zurück zur Migrationsproblematik. Als 2015 eine große Flüchtlingswelle nach Europa kam, war die Hilfsbereitschaft bewundernswert groß und zum Teil ist sie das immer noch. Gleichzeitig war aber klar, dass die Aufnahmefähigkeit nicht unbegrenzt sein kann. Auch war und ist absehbar, dass die Zahl derer die aus verschiedensten Gründen Aufnahme in Europa suchen, wesentlich größer ist, als auf Dauer verkraftbar ist. Ebenso ist natürlich eine Tatsache, dass auf diesem Wege nicht nur Leute kommen, die kurz vor der Heiligsprechung stehen. In dieser Situation suchten sich die Politiker Europas ihre Shui Tas. Es sind Leute wie Erdogan, die an der türkisch-syrischen Grenze vor allem im Eigeninteresse agieren, lybische Küstenwachen, die Menschenrechte mit Füßen treten und manche andere. Hauptsache, die Orte, wo das geschieht, sind weit genug weg und die Bilder dazu erscheinen nicht dauernd in den Nachrichten. Von widerlichen Nebenerscheinungen, der unkoordinierten europäischen Migrationspolitik will ich an dieser Stelle gar nicht reden, zB einem Salvini, der auch die Wenigen, die noch auf dem Seeweg in die Nähe Europas kommen zum Anlass nimmt, sich vor einer rassistischen Anhängerschaft zu profilieren. Das Hauptproblem ist, dass Europa offensichtlich nicht in der Lage ist, aus eigenen Kräften und auf humanitäre Art eine Begrenzung und Regulierung der Migrationsströme zu erreichen.

Ein noch größeres Problem ist, die bisherige Unfähigkeit etwas an den Migrationsursachen zu ändern. „Viel zu lange hat Europa den afrikanischen Kontinent mit ausgebeutet. Wir Europäer haben wertvolle Ressourcen zu Niedrigstpreisen bekommen und den Arbeitskräften Sklavenlöhne gezahlt. Auch auf dieser Ausbeutung gründen wir in Europa unseren Wohlstand. Nun wundern wir uns, wenn die Menschen in Afrika keine Chancen mehr für sich sehen und zu uns kommen wollen“ (Gerd Müller, CSU). Wir telefonieren mit Handys, die ohne unter ausbeuterischen Bedingungen in Afrika gewonnen Rohstoffen nicht funktionieren würden, wir konsumieren günstig eingekaufte Schokolade, wobei 2 Cent im Anbauland verbleiben u.v.m. Afrika ist ein sehr reicher Kontinent, was die Rohstoffe angeht: Davon profitiert dank einer jahrzehntelang gut eingespielten Ausbeutungsmaschine neben einer kleinen korrupten Oberschicht Vorort vor allem Europa.

Die Reiche des kolonialen Europa und die Supermächte des Kalten Krieges haben einer neuen Form der Herrschaft über den Kontinent Platz gemacht, den die Welt als seine Mine benutzt – neuen Imperien, die nicht von Nationalstaaten kontrolliert werden sondern von Allianzen zwischen afrikanischen Herrschern, die niemandem Rechenschaft schuldig sind und durch Schattenstaaten regieren, Mittelsmännern, die diese Potentaten mit der weltweiten Rohstoffwirtschaft verbinden, und multinationalen Konzernen aus Westen und Osten, die ihre korrupten Machenschaften hinter dem Unternehmensgeheimnis verbergen.

  • Nun stehen wir da wie der Zuschauer am Ende von Brechts Parabel. Eine Lösung bietet sich kaum an:
  • Akzeptieren, die Welt ist halt schlecht, und erfolgreich können nur die Selbstsüchtigen und Rücksichtlosen sein?
  • Alle bestehenden Strukturen bekämpfen und hoffen, dass aus den Trümmern der alten Gesellschaft eine bessere Welt entsteht?
  • Oder vielleicht doch hoffen, irgendwie einen Mittelweg zu finden, wie wir in den Menschen in Afrika helfen können, realistische Perspektiven für eine bessere Zukunft aufzubauen?
  • Mir fällt nur ein die Schlussworte Brechts zu zitieren
  • „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
    Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andere Welt?
    Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?
  • Am Besten, Sie selber dächten auf der Stelle nach
    Auf welche Weis dem guten Menschen man
    Zu einem guten Ende helfen kann.
    Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
    Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

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