Seit wann hat konservativ etwas mit Nationalismus, Industriefreundlichkeit, Kernkraft, allgemeiner Wehrpflicht zu tun ?

Ich bin 70 Jahre alt und habe immer wieder feststellen müssen, dass ich von meiner Grundeinstellung ein konservativer Mensch bin. D.h. ich gehe nicht davon aus, dass etwas Neues per se gut und richtig ist. Ich habe da eher eine skeptische und abwartende Haltung. Manches erweist sich als gut, bei manchen stellt man im Nachhinein fest, dass es so toll, wie es auf den ersten Blick aussah gar nicht ist.

Der Nationalismus war vor 200 Jahren etwas Neues. Sehr kluge Leute wie zB. Johann Wolfgang von Goethe standen ihm sehr skeptisch gegenüber. Auch 100 Jahre später bezeichnete Albert Einstein den Nationalismus, als eine infantile Krankheit, als die „Masern der Menschheit“. Das hat übrigens nichts mit einer Ablehnung von Heimatliebe zu tun. Das ist ein Gefühl, das den meisten Menschen zu eigen ist, und da ist sicher nichts Schlechtes dran.

Von vielen Nationalisten am rechten Rand wird oft Franz Josef Strauß als großer Vorbild genannt. Obwohl ich nie Strauß Freund gewesen bin, hier ein gern Zitat von ihm : „Ein geeintes Westeuropa soll die Vorstufe zu den Vereinigten Staaten von Europa sein, zu dem ich auch alle Völker Mittel- und Osteuropas rechnen möchte.“ Der war schon 1966 weiter als zumindest die Schmalspur- Nationalisten der AFD heute.

Industriefreundlichkeit ist ein weiterer Punkt, mit dem sich Politiker auszeichnen, die per Etikettenschwindel konservative Werte für sich in Anspruch nehmen. Aber ich frage, ist es wirklich konservativ, die Interessen von Verbrauchern und Umweltgeschädigten gering zu achten und um jeden Preis eine industriefreundliche Politik zu betreiben? Sind Gesundheits- und Umweltschutz etwa keine konservativen Werte? Wenn man zB beim Diesel-Skandal, diesen klein reden und die Industrie schützen will, ist dies konservative Politik.

Andere angeblich konservative Politiker halten den Atomausstieg für einen Verrat an konservativen Positionen. Man kann natürlich zur Kernenergie als Brückentechnologie unterschiedliche Positionen einnehmen. Aber handelt es sich hier um konservatives Tafelsilber, das verscherbelt worden ist? Grundkonservative Menschen haben schon frühzeitig vor den Gefahren dieser Technologie gewarnt.

Und dann gibt es noch die selbsternannten Verteidiger des Konservativismus, die in der Abschaffung der Wehrpflicht eine Aufgabe konservativer Werte sehen. Dabei ging es doch hierbei an eine Anpassung an die technologische Entwicklung im Verteidigungsbereich. Mit einer zahlenmäßig starken Wehrpflichtarmee ist heute nicht mehr viel anzufangen. Nebenbei sprach auch der Gerechtigkeitsgedanke für die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland im Jahre 2011. Im UK wurde die Wehrpflicht 1961 abgeschafft, in den USA wird seit 1986 eine Unterlassung der Registrierung bei den nationalen Wehrbehörden nicht mehr strafrechtlich verfolgt, in Frankreich gibt es seit Ende 2002 keinen verpflichtenden Wehrdienst mehr. Deutschland hat sich also eine internationale Entwicklung verhältnismäßig spät angepasst.

Diejenigen welche immer das Banner des Konservativismus vor sich hertragen und behaupten konservative Werte seien verraten worden, sind also in der Regel Nationalisten, industriefreundliche Politiker und Neo-Liberale, die den Begriff konservativ fälschlich verwenden. Oft sympathisieren sie sogar mit denen, die eine andere Republik wollen. Vorsicht vor diesen Leuten !

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