Kriegsende Deutschland 1945 Befehl ist Befehl

Am 8. Mai 1945 war Hitler Deutschland besiegt. In der Nazi Zeit sind die schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte begangen worden. Millionen Deutsche – die einen direkt, andere indirekt – hatten daran mitgewirkt. Wie war das möglich ? Diese Frage hat viele beschäftigt und auch mich ein Leben lang nicht losgelassen. Ich habe versucht durch Bücher und durch viele Gespräche mit Zeitzeugen – die Bandbreite reichte von überzeugten Nazis bis zu Überlebenden der KZs – diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Wichtige Erkenntnisse dazu habe ich unter anderem durch das Buch Psychologist in Germany von Saul K Padover gewonnen. Der Autor, ein US Historiker geboren 1905 in Wien, kam 1945 als Intelligence Officer nach Deutschland und berichtet über seine Erfahrungen mit den Deutschen. Eine Episode, die er schildert war für mich besonders aufschlussreich.

In einer rheinischen Kleinstadt, die kurz vor Kriegsende vom US Militär besetzt ist, trifft der Autor eine junge Frau und einen Mann aus Polen, Zwangsarbeiter. Sie lieben sich und wollen bald nach Polen zurückkehren. Doch sie haben ein Problem. Die junge Frau ist schwanger und das Paar ist nicht verheiratet, ein Unding im katholischen Polen. Hitlers Gesetz verbietet die Ehe unter Zwangsarbeitern. Das Problem muss doch zu lösen sein, denkt Captain Padover. Er spricht mit dem Bürgermeister. Doch der weigert sich die beiden zu trauen. Aber im katholischen Polen ist es ja noch viel wichtiger, dass die beiden kirchlich getraut werden. Also spricht Padover mit dem katholischen Ortspfarrer. Auch dieser will die Trauung nicht vornehmen und verweist auf Hitlers Gesetz. Captain Padover versucht den Pfarrer als Christen anzusprechen, es wäre doch seine Christenpflicht, das unauflösliche Band der Ehe, das die beiden jungen Menschen vor Gott schließen wollen, mit dem Segen der Kirche zu versehen. Der Pfarrer bleibt stur und verweist auf das weltliche Gesetz des Nazi Reichs. Da wird Captain Padover wütend er schreit den Pfarrer an: „Die Gesetze werden jetzt von General Eisenhower gemacht und wenn Sie die beiden nicht trauen, bekommen Sie Ärger“. Der Pfarrer fragt : “ Ist das ein Befehl ?“ „Ja, das ist ein Befehl“ antwortet Padover. Der Pfarrer knallt die Hacken zusammen, führt den Befehl aus und die beiden werden getraut.

An dieser Stelle ist mir viel klar geworden über die Mentalität, die in Deutschland bis 1945 vorherrschte, wohl nicht nur in den 12 Jahren des Hitler Regimes. Befehl ist Befehl. Darauf haben sich auch die in Nürnberg angeklagten Kriegsverbrecher oft berufen. Es ist ja so einfach, Befehlen von oben zu folgen. Keine eigene Verantwortung. Gehorsam ist doch auch eine Tugend, oder ? Natürlich gab es und gibt es solch eine Haltung auch anderswo. Die US Helikopterbesatzung, die irakische Aufständische, tötete obwohl sie sich ergeben hatten (Wikileaks Dokumente) handelten auf Befehl. Aber der bedingungslose Gehorsam gegen über einem Befehl ist nirgendwo so zur perversen Perfektion gebracht worden, wie in Nazi-Deutschland. Nur wenn wir uns klar machen, Kadavergehorsam macht uns zu fremdbestimmten Arbeitsmitteln und Waffen in der Hand eines -meist anonymen- Befehlshabers, kann diese fatale Haltung überwunden werden. Der Befehl spricht uns nicht von der Schuld frei und das eigene Gewissen darf sich nicht bedingungslos dem Befehl unterordnen. Nur wenn wir das erkennen, werden wir in der Lage sein, zu verhindern, dass sich die dunklen Kapitel unserer Geschichte wiederholen.

Ein Gedanke zu “Kriegsende Deutschland 1945 Befehl ist Befehl

  1. Vielleicht lässt sich die bedauerliche Weigerung des Pastors ja auch mit Angst erklären. Angst davor, dass sich das Blatt doch noch mal wendet und die Nazis doch noch mal an die Macht kommen, oder davor, dass irgend welche anderen, autonomen Nazis in der Übergangszeit zwischen Regime und Besatzung diejenigen bestraften, die die alten Tyrannengesetze nicht befolgten. Ein Befehl wirkt auch in dieser Version „entschuldigend“.

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