Kann denn, was vor 40 Jahren Mehrheitsmeinung war, heute rechts sein? Ja !

Rechts-links, diese politische Einordnung wurde das erste mal in der französischen Revolution in der Konstituierenden Versammlung am 28.08.1789 verwandt. Rechts versammelten sich die Befürworter eines absoluten Vetorechts des Königs ( aristrocates), während sich links die Kräfte einfanden, die Anhänger der Revolution und Befürworter einer vom Volkswillen begrenzten Monarchie waren ( patriotes ). Die Geschichte ging weiter mit der Erklärung der Bürgerrechte, Abschaffung des Adels, Abschaffung der Sklaverei im Mutterland, Einführung der konstitutionellen Monarchie, Errichtung der Republik, Revolutionsdiktatur, Übernahme der Macht durch das Direktorium, Machtübernahme Napoleon Bonapartes und schließlich dessen Kaiserkrönung. Danach ab 1814 Restauration, zwischen 1815 und 1830 wieder Bourbonen auf dem Königsthron, und schließlich nach 1830 der Bürger-König Louis Philippe. Anfang der 1830er Jahre sah das politische Spektrum in Frankreich völlig anders aus als gut 40 Jahre vorher. Es gab eine extreme Rechte, die den abgesetzten Bourbonen König Karl X. wieder an der Macht haben wollten ( von Abschaffung der Bürgerrechte oder Wiedereinführung der Sklaverei war allerdings keine Rede mehr). Die Poltische Mitte unterstütze Louis Philippe und die Linke trat ein für völlige Pressefreiheit, Abschaffung der Sklaverei auch in den Kolonien und Einführung der Republik.

Der Rückblick in die Geschichte zeigt, dass es kein Phänomen der neuesten Zeit ist, wenn sich das, was gesellschaftliche Mehrheitsmeinung ist innerhalb weniger Jahrzehnte deutlich verschiebt. Beispiele heute: Gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe ( Frau muss den Ehemann fragen wenn sie arbeiten will ) klingt 2020 lächerlich, war vor 50 Jahren Gesetzeslage und wurde von der Mehrheitsmeinung als rechtens akzeptiert. Homosexualität war vor Jahrzehnten eine Straftat, wurde danach noch lange als Krankheit angesehen. Heute befürwortet eine deutliche Mehrheit die Ehe für alle. Deutschland ein Einwanderungsland? Um diese Frage hat sich die Mehrheit lange herumgedrückt, obwohl die Realität schon seit den 1960er Jahren eine andere war. “ Das sind Gastarbeiter“ “ die sollen doch dahin zurückgehen, wo sie hingehören“ , solche Ansichten wurden lange von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert und vertreten. Mittlerweile ist längst klar geworden, dass Deutschland ohne ( gesteuerte und kontrollierte ) Einwanderung überhaupt nicht existenzfähig wäre.

Wer all das leugnet, kann heute nicht mehr behaupten, sich auf Mehrheitsmeinungen zu stützen oder in der politischen Mitte zu sein. Er ist auch nicht konservativ sondern ziemlich weit rechts. Der Konservative weiß, dass sich gesellschaftliche und politische Verhältnisse unweigerlich verändern. Es geht ihm höchstens darum, wie der britische Konservative Lord Salisbury im frühen 19. Jahrhundert einmal sagte „Veränderungen zu verzögern, bis sie harmlos geworden sind“. Der Wandel soll und kann nicht verhindert, sondern so gestaltet werden, dass die Menschen mitkommen. Das ist eine wichtige konservative Grundposition. Wer das nicht wahrhaben will, ist nicht konservativ sondern rechts, auch wenn er sich auf vermeintlich konservative Werte beruft. Er verwechselt nämlich Werte mit Normen oder Strukturen. Familie ist ein Wert. Patriarchat oder Heterosexualität nicht. Der Konservative will mitwirken den Wandel menschenfreundlich zu gestalten, Reaktionäre und Faschisten wollen zurück in die Vergangenheit.

Ein Gedanke zu “Kann denn, was vor 40 Jahren Mehrheitsmeinung war, heute rechts sein? Ja !

  1. Gesellschaftliche Mehrheitsmeinungen ändern sich im Lauf der Zeit, das stimmt. Aber nicht alles, was neu ist, ist auch zwangsläufig besser als das, was zuvor war. Im schlechtesten Fall führt eine Veränderung nur dazu, dass unterm Strich ab ihrem Eintritt nicht mehr Menschen als zuvor besser gestellt sind, sondern nur andere. In diesem Fall gibt es Gewinner und Verlierer.

    Was die „Aufgabenteilung in der Ehe“ betrifft, mutet diese aus heutiger Sicht befremdlich an. Sie führte zu einer tatsächlichen, juristischen Benachteiligung von Frauen und es ist gut, dass die Gesellschaft mehrheitlich ihre Ansicht diesbezüglich (seit Ende der 1970er Jahre) geändert hat. Allerdings wird die Tatsache, dass eben die damalige „Aufgabenteilung“ auf einem mehrheitlichen Konsens innerhalb der Gesellschaft beruhte, heutzutage geflissentlich ignoriert. Vielmehr wird die damalige Rollenaufteilung als Indiz für die „grundsätzliche moralische Verkommenheit des Mannes an sich“ in entsprechenden Kreisen gewertet. Genau solche Kreise sind es dann auch, die gesellschaftliche Veränderungen allgemein diskreditieren, da diese Protagonisten eben nicht auf einen (neuen) Konsens bedacht sind, sondern Gewinner und Verlierer produzieren.

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