Manches mag früher besser gewesen sein, aber das Meiste nicht

Es ist jetzt 56 Jahre her, da stand ich als 14jähriger Fan in der vordersten Zuschauerreihe am ersten Bundesliga Spieltag so nah am Spielfeldrand – ohne Zaun oder Graben dazwischen – dass ich den Spieler der gegnerischen Mannschaft beim Einwurf an der Hose hätte festhalten können. Wir waren laut und haben freche Lieder gesungen, aber Gewalt in den Stadien gab es damals nicht.

Als ich 19 war habe ich in den Semesterferien als Briefträger gearbeitet. Der Zusteller, dessen Urlaubsvertretung ich machen sollte, gab mir Tipps, ja nicht zu schnell zu sein, er sagte mir, wo ich einen Kaffee umsonst bekäme, und wann ich in einer bestimmten Kneipe die Post bringen solle, damit ich ein Bier gratis bekäme. Wenn ich den Postzustellern heute zusehe, weiß ich, sie haben sicher mehr Stress als damals.

War also früher alles besser? Nein, bestimmt nicht. Es war nämlich auch eine Zeit, in der Eltern strafrechtliche Verfolgung befürchten mussten, wenn sie erlaubten, dass der Freund der Tochter bei ihnen übernachtete . Menschen mit damals nicht als normal empfundenen sexuellen Orientierungen drohten Gefängnisstrafen. In der Schule der Meinung des Lehrers zu widersprechen, konnte unangenehme Konsequenzen haben. Ärzte waren Halbgötter in Weiß, deren Behandlungsmethoden natürlich nicht anzuzweifeln waren. An den Grenzen zu den europäischen Nachbarländern gab es Schlagbäume und Grenzkontrollen.

Übrigens auch damals schon habe ich das Gerede gehört, früher ( damit war damals die Nazi-Zeit gemeint ) habe es nicht soviel Kriminalität gegeben, weil man mit Verbrechern nicht so sanft umgegangen sei und weil weniger Ausländer im Land gewesen wären. Also früher alles besser? Bestimmt nicht.

Es hat sich Vieles geändert. Das Meiste zu Besseren. Es gibt mehr Freizügigkeit und Liberalität. Meinungsfreiheit und Informationsvielfalt haben zugenommen. Wir reisen durch ganz Europa und schließen Freundschaften, ohne Grenzkontrollen oder andere Schwierigkeiten. Wir können zwischen Telefonanbietern, Stromversorgern und anderen Service-Anbietern problemlos wechseln.

Natürlich gibt es auch Dinge, die ich kritisch sehe. Das ist zum einem, die Kommerzialisierung immer weiterer Lebensbereiche und damit verbunden eine Zunahme des Stress für die Menschen und in diesem Zusammenhang auch eine größere Unsicherheit für die meisten Arbeitnehmer. Und auch -zumindest teilweise- weniger Respekt im Umgang miteinander, stelle ich fest. Ein bestimmter Egoismus und ethischer Nihilismus verbreitet sich bei vielen Mitmenschen. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass der respektvollere Umgang damals nicht innerer Überzeugung entsprach, sondern von Autoritäten erzwungen und durch soziale Kontrolle gesichert wurde. Diese negative Entwicklung ist möglicherweise eine unschöne Begleiterscheinung der größeren Liberalität.

Deshalb sollten wir uns schon Gedanken machen, wie wir einen respektvolleren und toleranteren Umgang miteinander erreichen können, und wie wir die fortschreitende Kommerzialisierung bändigen können, damit diese Gesellschaft ein sozialeres Gesicht erhält. Keinesfalls sollten wir auf das Geschwafel hereinfallen, früher sei alles besser gewesen oder gar, es läge nur an der Migration ( besonders vernagelte Verschwörungstheoretiker reden vom Bevölkerungsaustausch).

Wir leben in schnelllebigen Zeiten und stehen vor großen Herausforderungen. Aber Optimismus und Besinnung auf unsere Werte können helfen. Deshalb zitiere ich gerne abschließend unsere Bundeskanzlerin, die ich sonst auch oft kritisiere : Wir schaffen das !

Don`t Let The Bastards Grind you Down: The Testaments By Margaret Atwood

Nolite te bastardes carborundorum (Don`t let the bastards grind you down) the secret message of The Handmaid`s Tale has become the slogan of many feminists and others resisting against suppression

Margaret Atwood`s dystopian masterpiece has a sequel now. Offred, the protagonist of The Handmaid`s Tale, does get ground down by the bastards who control her life. There is no escape for her. In the Testaments, the newly release sequel, things have changed. It`s a thriller, it´s escapist and in this meaning it shares something with Hulu`s Handmaid`s Tale TV adaption. The action takes place again in Gilead a totalitarian theocracy.

This time it`s focused on the Aunts, the women who are entrusted with governing the other women of Gilead. These characters may remind you of mean nuns at a Catholic school or State Security agents in totalitarian states. In The Handmaid`s Tale Aunt Lydia was a sadistic cipher, a monster. In The Testament we get to know a new version of Aunt Lydia.

She is a victim herself, who asks the question: “ what good is it to throw yourself in front of a steamroller out of moral principles and then be crushed flat like a sock emptied of its foot?“ and she answers: „better to fade into the crowd the piously praising unctuous, hate-mongering crowd. Better to hurl rocks than to have them hurled at you.“

As The Testament opens she is preparing to use the power she has gained for another purpose. She is close to death, and she has to decide. “ Who to take down with me. I have to make my list.“ If you want to know, who will be Lydia`s victims – those who drive Gilead or those who oppose it – you should read The Testaments.

The Testaments is about women resisting totalitarian government, who fight back without ever getting ground down, it is aspirational in a way its predecessor never even claimed to be. Fighting back means sometimes having to make difficult decisions. Margaret Atwood puts a quote of Ursula Le Guin at the beginning of her story:

“Freedom is a heavy load, a great and strange burden for the spirit to undertake …. It is not a gift given, but a choice made, and the choice may be a hard one.”

.

China’s Rise Is a Bigger Challenge to The Liberal and Democratic Western World Than The Soviet Union Ever Has Been

There are two central facts about China today. The first is that the country has just experienced a period of economic growth the likes of which the world had never before seen. The second is that it is ruled, increasingly dictatorially, by an unelected communist party that puts people in prison for their convictions and limits all forms of free expression and association.

We see a capitalist system run by a communist party. But unlike the Soviet bloc in the Cold War era, walled in Marxist ideology, China’s leadership is more than flexible in such ideological issues and economically successful.

Two developments are foreseeable for the near future:

China`s economic importance will increase and the U.S.-Chinese competition will turn not just on hard power but also on each country’s ability to command the moral high ground.

The polarization of China and the United States will not result in another Cold War scenario, but their mutual distrust will ultimately drive the world center from Europe to East Asia.

China is preparing to be the dominant power in a post-liberal world. It`s dominating influence can only be limited, if in the Western World two things happen. The US should not only rely on its economic strength but on the liberal, creative and democratic values that have made it strong. And Europe must not fall back into nationalist sectionalism, but must develop its unity and operate in a community of values together with the US.

At the moment there are some developments that can not make us optimistic. Trump in the WH doesn`t see anything but bilateralism and enemies in his own country and in the Western World. Boris Johnson in the UK tries his very best to ruin his country and other nationalist and right-wing tendencies are a danger to the development of a united and strong Europe.

But the values of the free world have in the past proven to be stronger than all fascist and communist threats. I am deeply convinced that this can also be in future, if we stand together to these values.

Mussolini, die AFD und ihre Verbündeten

Die historische Erhahrung zeigt uns deutlich, dass Faschismus kaum jemals einfach so vom Himmel fällt und dass spätere Diktatoren oft erst einmal tüchtig Kreide gefressen hatten, bevor sie den Marsch durch die Institutionen antraten. Mussolini hat einmal gesagt, damit es „nicht zu viel lästiges Gegackere gebe, müsse man dem Huhn die Federn ganz langsam, schön eine nach der anderen ausrupfen.“ Also bedient man sich einer Salamitaktik.

Nach der Landtagswahl in Sachsen, warum nicht eine CDU Minderheitsregierung? Die kann doch, ohne auf lästige Grüne oder ähnliche linke Kräfte angewiesen zu sein, mit wechselnden Mehrheiten regieren. Der Hintergedanke ist natürlich dabei, wenn die sich erstmal daran gewöhnt haben, dass mit CDU/AFD Mehrheiten etwas durchgesetzt wird, dann kann man dem Huhn auch die nächste Feder ausrupfen, d.h. dann stehen Koalitionsregierungen mit der AFD an. Und wenn erstmal in drei Bundesländern Koalitionsregierungen mit Rechtsextremen bestehen, dann hat man auch im Bund schon mal einen Fuss in der Tür. Wieder Feder für Feder die gleiche Taktik. Und wenn man erstmal in der Bundesregierung sitzt und noch entsprechende Schlüssel-Ministerien besetzt hat, dann kann man die Regierung in Salvini- Manier vor sich hertreiben. Zum Schluss braucht es nur noch eine größere Wirtschaftskrise, dann lässt man die Regierung platzen und geht mit Forderungen, die natürlich populär und einfach klingen, in den Wahlkampf. Und die Machtergreifung ist zum Greifen nahe.

Es braucht nicht unbedingt einen Militärputsch oder einen bewaffneten Marsch auf die Hauptstadt, um die Demokratie ins Jenseits zu befördern, sondern die Salamitaktik ist oft die viel geeignetere Methode. Deshalb ist die Devise: „Wehret den Anfängen“ so wichtig. Die Forderung aller Demokraten an die politischen Akteure heißt :

Keine Koalitionen oder irgendwie gearteten Zusammenarbeiten mit der von Rechtsextremen dominierten AFD !

Volksdemokratie – Wir sind das Volk – die gleiche Denkweise

Volksdemokratie (auch Volksrepublik) ist bzw. war die Selbstbezeichnung vieler kommunistischer politischer Systeme , die nach Ende des 2. Weltkriegs entstanden sind, zB in der DDR. Natürlich handelte es sich nicht um Demokratien sondern um Diktaturen. Zugrunde liegt marxistische Ideologie, die von einem eingeschränkten Volksbegriff ausgeht. Das Volk ist natürlich nur die Arbeiterklasse und diese – wenn sie den Kapitalismus beseitigt hat – wird, bis endlich der paradiesische Endzustand eintritt, eine Diktatur ausüben, die Diktatur des Proletariats. Dabei wird das Proletariat selbstverständlich von der Partei der Arbeiterklasse geführt und vertreten. Hinter der Bezeichnung Volk und Demokratie versteckt sich also eindeutig eine Diktatur einer bestimmten Gruppe.

„Wir sind das Volk“, diese Parole hat man in den letzten Jahren auf rechtsextremen Demonstrationen oft gehört. Damit versucht man vorzugauckeln, in der Tradition der demokratischen Proteste gegen das DDR Regime zu stehen. Ein entscheidender Unterschied wird dabei unterschlagen, in der DDR gab es keine freien und geheimen Wahlen. Diese gibt es heute und der Wille des Volkes wird in freien und geheimen Wahlen ermittelt. Wenn also unter den Bedingungen der freiheitlichen Demokratie eine Gruppe auf die Straße geht – was ihr gutes Recht ist – kann sie niemals behaupten, sie sei das Volk, selbst wenn sie anschließend bei freien und geheimen Wahlen 51% der Stimmen bekäme, wäre sie bestenfalls die Mehrheit des Volkes. Aber davon sind diese Schreihälse weit entfernt. Es bleibt also festzuhalten, ähnlich wie die SED es zu DDR Zeiten gemacht hat, wird von dieser Gruppe ein eingeschränkter Volksbegriff verwandt. Der Unterschied ist nur, die Einschränkung wird nicht mehr von der Klassenzugehörigkeit sondern von der Abstammung, als seit Generationen in Deutschland lebend, abhängig gemacht. Und die Volksherrschaft um die es gehen soll, wird dann natürlich, wenn es soweit ist, von der Avantgarde der völkischen Bewegung ausgeübt. Mit anderen Worten gesagt also, zurück in die DRR, nur unter anderem Vorzeichen.

Das Volk, das sind wir alle. Dazu gehören Arbeiter und Angestellte, Rentner, Studenten und Unternehmer. Dazu gehören Atheisten, Christen, Juden und Muslime. Dazu gehören Menschen mit den unterschiedlichsten weltanschaulichen Überzeugungen. Dazu gehören Geringverdiener wie Gutverdienende. Aus dieser Tatsache ergibt sich natürlich, dass sehr unterschiedliche Interessen und auch Vorstellungen, wie das Land zu regieren sei, existieren. Kompromisse sind notwendig. Dazu gibt es Parteien, freie Wahlen und Parlamente. Das ist ein Prozess der manchmal kompliziert und langwierig ist und die Ergebnisse entsprechen am Ende nicht immer den Vorstellungen des Einzelnen. Aber das Ganze ist unsere freiheitlich demokratische Ordnung.

Diese gilt es zu verteidigen gegen alle Kräfte, die dieses System, unsere Demokratie, verächtlich machen wollen und angreifen!

Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber

Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber                                 
Das Fell für die Trommel                          
Liefern sie selber.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen.     
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.         
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Es gibt Bilder und Ereignisse, die hätte ich mir im Nachkriegs-Deutschland, mehr als 70 Jahre nachdem Deutschland in Trümmern lag, kaum vorstellen können. Vielleicht bin ich ein zu großer Optimist und glaube zu sehr an die Lernfähigkeit des Menschen. Vor etwas mehr als 90 Jahren begann es so:

Nach dem gescheiterten Hitler/Ludendorff Putsch verfolgten die Nazis eine Taktik der Legalität. Nicht durch einen gewaltsamen Umsturz sollte die Republik beseitigt werden, sondern durch Teilnahme an Wahlen. Sie blieben natürlich gleichzeitig eine Bewegungspartei, die auch auf Terror setzte. Und sie ließen nicht nach, immer wieder vorhandene rassistische Vorurteile zu schüren und den Deutschen vor zu machen, wenn endlich ein sauberes von Fremdeinflüssen befreites Deutschland da wäre, würde zwangsläufig alles besser. Die Partei hatte Zulauf, der Erfolg bei Wahlen blieb aber vorläufig gering.

Das änderte sich sehr schnell, als durch die Weltwirtschaftskrise alles ins Wanken kam. Demokratische Mehrheiten kamen im Reichstag nicht mehr zustande. Unter diesen Bedingungen fanden antikapitalistische, antiliberale und vor allem auch widerlich rassistisch-antisemitische Propaganda immer besseren Nährboden. Die Großindustriellen mochten Hitler nicht, aber sie kamen bald zu der Überzeugung, er sei der Richtige, um mit der linken Gefahr aufzuräumen. Deshalb begannen sie Hitler zu finanzieren. Weiterhin kam es schon im Januar 1930 in Thüringen zur Baum-Frick Regierung, der ersten Landesregierung unter Beteilung der Nazis. Sie hielt nur 15 Monate, aber es war der erste Schritt, Nazis koalitionsfähig zu machen. Nebenbei hatte der spätere Reichsinnenminister und Kriegsverbrecher Wilhelm Frick hier eine hervorragende Gelegenheit, zu üben, wie er später den Staatsapparat säubern und mit Oppositionellen umgehen konnte.

Die Entwicklung der nächsten Jahre ist bekannt. Im Januar 1933 kam es zur legalen Machtergreifung der Nazis, innerhalb weniger Monate wurde die Demokratie beseitigt. Wenige Jahre später führte, die jetzt angefangene aggressive nationalistische Politik Deutschland und die Welt in den Krieg.

Mehr als 40 Millionen Tote in Europa waren das Ergebnis. Große Teile Europas und auch Deutschland lagen in Trümmern. Kann so etwas im historischen Gedächtnis eines Volkes ausgelöscht werden? Ist eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad möglich? Kann in diesem Deutschland wieder Nazi-verwandtes völkisches Gedankengut sich breitmachen? Ist es möglich, dass Leute, die sich selbst Konservative nennen, Faschisten wieder für koalitionsfähig halten?

Die Frage ist: Wer hat die Verantwortung, die Menschenrechte zu wahren und die Wiederholung der Geschichte zu verhindern ? Die Antwort : Wir alle !

       

Die Guten, die Bösen und die Flüchtlinge, vielleicht sind wir alle nur : Der Gute Mensch von Sezuan

Flüchtlinge und Migranten aller Art suchen den Weg nach Europa um Kriegen oder Verfolgung zu entkommen oder einfach nur, weil sie ein lebenswertes Leben führen möchten. Manchmal belächelte Gutmenschen und sogenannte Realisten streiten, wie mit den Hilfe Suchenden umzugehen sei. Dahinter steht letztendlich die Frage, kann man gut sein in einer Welt, die so aussieht, dass sie Profitstreben und Rücksichtlosigkeit belohnt und menschliches Handeln naiv aussehen lässt? Dabei muss ich oft an Brechts Parabel „Der Gute Mensch von Sezuan“ denken.

3 Götter kommen undercover nach Sezuan, sie finden nur böse und hartherzige Menschen, mit Ausnahme der Prostituierten Shen Teh. Sie wird belohnt mit einem Geldbetrag von dem sie sich einen kleinen Tabakladen kaufen kann und mit moralischen Ermahnungen zurückgelassen. Allerdings scheint Shen Te zu gutmütig für diese Welt zu sein, sie wird von Schmarotzern aller Art ausgenutzt. Schließlich steht sie schwanger, allein gelassen und fast ruiniert da. Dann tritt ihr angeblicher Vetter Shui Ta auf. Mit Härte und Rücksichtslosigkeit löst er alle Probleme. Mit ausbeuterischen Methoden baut er sogar eine florierende Tabakfabrik auf. Doch die Menschen vermissen Shen Te, die auf einmal verschwunden ist und Shui Ta wird verdächtigt sie ermordet zu haben. Erst im Prozess offenbart Shen Te, dass dieser nur ihr alter Ego ist, das sie brauchte, um in dieser Welt nicht unterzugehen.

Zurück zur Migrationsproblematik. Als 2015 eine große Flüchtlingswelle nach Europa kam, war die Hilfsbereitschaft bewundernswert groß und zum Teil ist sie das immer noch. Gleichzeitig war aber klar, dass die Aufnahmefähigkeit nicht unbegrenzt sein kann. Auch war und ist absehbar, dass die Zahl derer die aus verschiedensten Gründen Aufnahme in Europa suchen, wesentlich größer ist, als auf Dauer verkraftbar ist. Ebenso ist natürlich eine Tatsache, dass auf diesem Wege nicht nur Leute kommen, die kurz vor der Heiligsprechung stehen. In dieser Situation suchten sich die Politiker Europas ihre Shui Tas. Es sind Leute wie Erdogan, die an der türkisch-syrischen Grenze vor allem im Eigeninteresse agieren, lybische Küstenwachen, die Menschenrechte mit Füßen treten und manche andere. Hauptsache, die Orte, wo das geschieht, sind weit genug weg und die Bilder dazu erscheinen nicht dauernd in den Nachrichten. Von widerlichen Nebenerscheinungen, der unkoordinierten europäischen Migrationspolitik will ich an dieser Stelle gar nicht reden, zB einem Salvini, der auch die Wenigen, die noch auf dem Seeweg in die Nähe Europas kommen zum Anlass nimmt, sich vor einer rassistischen Anhängerschaft zu profilieren. Das Hauptproblem ist, dass Europa offensichtlich nicht in der Lage ist, aus eigenen Kräften und auf humanitäre Art eine Begrenzung und Regulierung der Migrationsströme zu erreichen.

Ein noch größeres Problem ist, die bisherige Unfähigkeit etwas an den Migrationsursachen zu ändern. „Viel zu lange hat Europa den afrikanischen Kontinent mit ausgebeutet. Wir Europäer haben wertvolle Ressourcen zu Niedrigstpreisen bekommen und den Arbeitskräften Sklavenlöhne gezahlt. Auch auf dieser Ausbeutung gründen wir in Europa unseren Wohlstand. Nun wundern wir uns, wenn die Menschen in Afrika keine Chancen mehr für sich sehen und zu uns kommen wollen“ (Gerd Müller, CSU). Wir telefonieren mit Handys, die ohne unter ausbeuterischen Bedingungen in Afrika gewonnen Rohstoffen nicht funktionieren würden, wir konsumieren günstig eingekaufte Schokolade, wobei 2 Cent im Anbauland verbleiben u.v.m. Afrika ist ein sehr reicher Kontinent, was die Rohstoffe angeht: Davon profitiert dank einer jahrzehntelang gut eingespielten Ausbeutungsmaschine neben einer kleinen korrupten Oberschicht Vorort vor allem Europa.

Die Reiche des kolonialen Europa und die Supermächte des Kalten Krieges haben einer neuen Form der Herrschaft über den Kontinent Platz gemacht, den die Welt als seine Mine benutzt – neuen Imperien, die nicht von Nationalstaaten kontrolliert werden sondern von Allianzen zwischen afrikanischen Herrschern, die niemandem Rechenschaft schuldig sind und durch Schattenstaaten regieren, Mittelsmännern, die diese Potentaten mit der weltweiten Rohstoffwirtschaft verbinden, und multinationalen Konzernen aus Westen und Osten, die ihre korrupten Machenschaften hinter dem Unternehmensgeheimnis verbergen.

  • Nun stehen wir da wie der Zuschauer am Ende von Brechts Parabel. Eine Lösung bietet sich kaum an:
  • Akzeptieren, die Welt ist halt schlecht, und erfolgreich können nur die Selbstsüchtigen und Rücksichtlosen sein?
  • Alle bestehenden Strukturen bekämpfen und hoffen, dass aus den Trümmern der alten Gesellschaft eine bessere Welt entsteht?
  • Oder vielleicht doch hoffen, irgendwie einen Mittelweg zu finden, wie wir in den Menschen in Afrika helfen können, realistische Perspektiven für eine bessere Zukunft aufzubauen?
  • Mir fällt nur ein die Schlussworte Brechts zu zitieren
  • „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
    Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andere Welt?
    Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?
  • Am Besten, Sie selber dächten auf der Stelle nach
    Auf welche Weis dem guten Menschen man
    Zu einem guten Ende helfen kann.
    Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
    Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“